Im Gespräch mit Herrn K. vor einigen Wochen kam das Thema auch auf Islam, Islamismus, Salafismus, IS und all die anderen Schlagworte, die zur Zeit so durch die Medien schwirren. „Also, wirklich wissen, was Islam, Islamismus, Schiiten, Sunniten,  etc. ist, was dahinter steht… das hat sich mir bisher nicht erschlossen.“ So oder so ähnlich die Aussage von Herrn K. Er bat mich daraufhin, einen Vortrag vorzubereiten und ihm und seinen Freunden eine kurze Einführung in das Thema zu geben.  Bei der Vorbereitung ist mir aufgefallen, dass ohne die Entstehungs- und Frühgeschichte des Islam zu erzählen, eine Erklärung vom Unterschied Sunniten/Schiiten, die Ideologie von Salafisten und vieles mehr nicht möglich ist. Und dann fiel mir auf, dass ich auch hier, auf meinem Blog, noch nie direkt auf die Frühgeschichte eingegangen bin, sondern sie höchstens gestreift habe.

Hier also nun eine Darstellung der Entstehungs- und Frühgeschichte des Islam, der Biographie Muḥammads, ohne die die Geschichte nicht erzählt werden kann und wie es zur Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten kam. Es handelt sich dabei mehr oder weniger um den Text des Referats, das ich Herrn K. und seinen Freunden gehalten habe.  Sprachlich kein Meisterwerk, thematisch kann an vielen Stellen sehr viel weiter in die Tiefe gegangen werden, als Einstieg und Überblick sollte es aber für den Anfang genügen.

Das Wort islām und der Glaube der Muslime

Die Begriffe islām und muslim leiten sich beide ab von dem Verb aslama, zu Deutsch: sich ergeben, sich hingeben. Dabei ist islām das Verbalnomen bzw. der substantivierte Infinitiv und bedeutet: das Sich-Ergeben, muslim ist das entsprechende Partizip, also der sich Ergebende.

Die Bezeichnung Mohammedaner für Anhänger des Islam ist nicht korrekt, denn Muslime beten zu Gott, nicht zu Muḥammad. Dabei ist zusätzlich zu beachten, dass der muslimische Gott schlicht Gott ist, nicht Allāh (s. Lasst uns über Gott sprechen).

Das bindende Glied zwischen allen Muslimen gleich welcher Konfession ist der Glaube an den einen Gott sowie der Glaube daran, dass der Prophet Muḥammad der Gesandte Gottes ist und dessen Offenbarung empfangen hat. Dieser Glaube spiegelt sich dann auch im Glaubensbekenntnis, arab.: šahāda, der Muslime wider: Ich bezeuge, es gibt keinen Gott außer Gott und ich bezeuge, dass Muḥammad der Gesandte Gottes ist, arab.: ašhadu an lā ilāha illā llāh wa-ašhadu anna Muḥammadan rasūlu llāh.

Das Glaubensbekenntnis gehört zu den fünf Säulen, arab.: arkān, des Islam, den Hauptpflichten eines Muslims.

Die fünf Säulen sind:

  • das Glaubensbekenntnis, arab.: šahāda
  • das fünfmalige Ritualgebet, arab.: ṣalāt
  • das Fasten im Monat Ramaḍān, arab.: ṣawm
  • die Armensteuer, arab.: zakāt
  • die Pilgerfahrt nach Mekka, arab.: ḥaǧǧ

Neben dem Koran gibt es zur Orientierung bezüglich eines gottgefälligen Lebens noch die Sunna. Dieses Wort hat die Bedeutung von „Gewohnheit“/“Brauch“. Die Sunna enthält die Lebensgewohnheiten, die Worte und Taten Muḥammads.

Die Biographie Muḥammads

Die Entstehung des Islam ist eng verknüpft mit der Biographie, arab.: sīra, des Propheten. Die älteste Biographie ist die des Muḥammad b. Ishāq (gest. um 767). Diese Arbeit ist jedoch nur noch in dem Werk eines späteren Autors erhalten, Ibn Hišām (gest. 830).

Muḥammad b. Abdallāh wurde um 570 n.Chr. in Mekka geboren. Er war ein Angehöriger der Banū Hašīm, einem eher unbedeutenden Clan des Herrscherstammes, den Quraīš. Diese herrschten in Mekka. Muḥammad wurde früh Vollwaise und wuchs erst bei seinem Großvater und schließlich bei seinem Onkel Abū Ṭālib auf. Mit circa 25 Jahren heiratete Muḥammad die ältere Kauffrau Ḫadīǧa. Aus dieser Verbindung gingen mehrere Kinder hervor. Die Töchter Zainab, Umm Kulṯum, Ruqayya und Fatima überlebten das Kinderalter. Fatimas Söhne mit ʿAlī, dem Vetter Muḥammads, sollten in den Jahrzehnten nach Muḥammads Tod noch politische Rollen spielen, ebenso in der Abspaltung der Schiiten von den Sunniten. Durch die Heirat mit Ḫadīǧa kam Muḥammad zu Ansehen und finanzieller Unabhängigkeit.

Um das Jahr 610 hatte Muḥammad sein erstes Offenbarungserlebnis. Nach anfänglicher Unsicherheit und der Verbreitung seiner Botschaft nur unter seinen nächsten Angehörigen (Ḫadīǧa und ʿAlī gehörten zu den ersten Anhängern) entwickelte Muḥammad zunehmendes Selbst- und vor allem Sendungsbewusstsein. Muḥammad erklärte sich offen zu einem Gesandten Gottes, arab.: rasūl allāh, und bemühte sich die Mekkaner zu bekehren. Die Mekkaner reagierten eher verhalten. Sie hatten kein Interesse an einer monotheistischen Religion wie sie sie schon von jüdischen und christlichen Händlern kannten. Das anfängliche Desinteresse wandelte sich nach und nach in Ablehnung und Feindseligkeit, die um das Jahr 619 einen Höhepunkt erreichte. In diesem Jahr starben sowohl Muḥammads Frau Ḫadīǧa als auch sein Onkel Abū Ṭālib. Damit war Muḥammads Schutz durch den eigenen Clan nicht mehr gewährleistet. 622 verlassen Muḥammad und seine Anhänger Mekka. Mit den Clans der Stadt Yaṯrib, dem späteren Medina, hatte Muḥammad ein Abkommen geschlossen, dass es ihm erlaubte, dorthin zu ziehen. Diese Emigration, arab.: hiǧra, stellt den Beginn der islamischen Zeitrechnung dar. In den folgenden zehn Jahren erschaffte Muḥammad in Medina die Grundlagen eines muslimischen Gemeinwesens. Nach und nach vollzog er hierbei den Wandel von einem bloßen Propheten Gottes hin zu einem Staatsmann und Vorsteher der neuen islamischen Gemeinschaft, arab.: umma. Das neue Gemeinwesen in Medina wurde dabei hauptsächlich von zwei Gruppen getragen:

  1. den Auswanderer, arab.: muhāǧirūn, also jenen, die mit Muḥammad aus Mekka nach Medina kamen
  2. den Helfern, arab.: anṣār, also die Einheimischen, die Muḥammad und seine Anhänger aufgenommen hatten

Bei der späteren Entwicklung sollte sich zeigen, dass vor allem die muhāǧirūn in machtvolle Positionen drängten.

Bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahr 632 konnte Muḥammad den größten Teil der Stämme der arabischen Halbinsel für seine Religion gewinnen. Dabei entstand ein struktureller Wandel innerhalb der arabischen Gesellschaft. Nicht mehr die Zugehörigkeit des Individuums in den eigenen Stamm oder Clan war entscheidend, sondern die Zugehörigkeit zur umma. Bis Muḥammad jedoch den Großteil der Araber bekehren konnte, hatte er sich noch mit den Mekkaner auseinanderzusetzen. Die Quraīš nahmen erst 630 den Islam an. Dem gingen mehrere Schlachten zwischen Muslimen und Mekkanern voraus, bevor Muḥammad letztendlich Mekka friedlich in Besitz nahm, die Kaʿba vom Polytheismus reinigte und dem einzigen Gott weihte.

Am 13. Rabīʿ al Awwal im Jahr 9 Hiǧra bzw. am 8. Juni 632 n.Chr. starb Muḥammad schließlich in Medina.

Muḥammads Nachfolge und die Ausweitung des Islam

Muḥammad starb ohne zuvor einen Nachfolger zu bestimmen. Wenn in diesem Zusammenhang von Nachfolger gesprochen wird, ist es wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um einen Nachfolger als Oberhaupt der Umma handelt, nicht um einen weiteren Propheten. Im islamischen Selbstverständnis ist Muḥammad nämlich das Siegel der Propheten, d.h. nach ihm werden keine Propheten mehr kommen.

Muḥammad ist es gelungen, aus dem nichts heraus einen Staat zu gründen. Dieser musste auch nach seinem Tod regiert werden. Muḥammad hinterließ keinen Sohn, eine Erbfolge war also nicht möglich. Einige Muslime sahen deshalb in ʿAlī, dem Vetter und Schwiegersohn Muḥammads, den einzigen möglichen Nachfolger. Jedoch wurde als Oberhaupt schließlich durch Konsens Abū Bakr ernannt. ʿAlī sollte erst der vierte Kalif werden. Abū Bakr nahm an der Hiǧra teil und verheiratete seine Tochter ʿĀʾiša mit dem Propheten. Abū Bakr wurde als Stellvertreter, arab.: ḫalīfa, Muḥammads eingesetzt. Aus diesem Wort entwickelte sich das Lehnwort „Kalif“. Die Frage des Kalifats spielte eine zentrale Rolle in der Frühgeschichte des Islam. Aber auch in späterer Zeit bis zur formellen Aufhebung des Kalifats durch die türkische Nationalversammlung im Jahr 1924 war das Kalifat immer wieder Thema großer Kontroversen. Wie sich ja auch ganz aktuell Syrer und Iraker durch den IS einer islamistischen Bewegung gegenüber sehen, die einen Kalifen ernannt hat und das Kalifat weiter ausdehnen will.

Abū Bakr regierte zwei Jahre bis zu seinem Tod 634. Der zweite Kalif war ʿUmar, ebenfalls ein Prophetengefährte. Während seiner Regierungszeit von 634-644 beginnt die Bildung eines arabischen Großreiches. 636 wurde das byzantinische Palästina mit Syrien sowie Mesopotamien, das bis dahin zum sasanidischen Perserreich gehörte, erobert. 641/642 weitet sich die Expansion nach Osten aus. Das iranische Hochland fällt unter arabische Herrschaft, womit das Sasanidenreich ein Ende findet. Im Westen muss das byzantinische Reich empfindliche Verluste hinnehmen. In den Jahren 639 bis 642 fällt Ägypten an die Araber. ʿUmars Regierung findet 644 mit seiner Ermordung ein Ende. ʿUṯmān wird zum dritten Kalifen ernannt. Unter seiner Herrschaft, die bis 656 andauert, findet die offizielle Redaktion des Koran statt. Bis dahin wurden die Offenbarungen mündlich weiter gegeben bzw. nur teils schriftlich festgehalten. Mit Ausdehnung des Reiches ist es aber notwendig, eine einheitliche Heilige Schrift anzufertigen. Auch ʿUṯmān wird ermordert.

Nachfolger ʿUṯmāns wurde schließlich ʿAlī. Er regierte von 656 bis 661, vermag es jedoch nur noch einen Teil der Muslime hinter sich zu versammeln. In Damaskus etabliert sich ein Gegenkalifat. Auch ʿAlī fand einen gewaltsamen Tod.

Die ersten vier Kalifen Abū Bakr, ʿUmar, ʿUṯmān und ʿAlī werden von Sunniten als die rechtgeleiteten Kalifen, arab.: al-ḫulafaʾ ar-rāšidūn, bezeichnet. Die Schiiten betrachten lediglich ʿAlī als legitimen Nachfolger, da er nicht nur Vetter und Schwiegersohn des Propheten, sondern auch einer der ersten Anhänger und durch seine Söhne al-Hasan und al-Ḥusaīn mit der Prophetentochter Fatima Vater der einzigen männlichen Nachkommen Muḥammads war.

Das Kalifat der Umayyaden

Der Gegenkalif ʿAlīs in Damaskus war Muʿāwiya. Er stammte aus der mekkanischen Familie Umayya. Diese hatte sich erst nach der Eroberung Mekkas im Jahr 630 zum Islam bekehrt und stand bis dahin dem Propheten feindlich gegenüber. Muʿāwiya war Statthalter in Damaskus und mit seinem Anspruch auf das Kalifat brachte er seine Familie zurück in die Herrschaftsposition, die zuvor die Familie des Propheten inne hatte (alle vier bisherigen Kalifen waren entweder durch Blutsbande oder/und Heirat mit Muḥammad verwandt). Während des ersten Bürgerkriegs, arab.: fitna, schwächten zahlreiche Kämpfe ʿAlī. Er verlor mehr und mehr Anhänger. Muʿāwiya setzte sich nach der Ermordung ʿAlīs 661 endgültig als Kalif durch. Auch machte er das Kalifat erblich. Die Umayyaden herrschten von Damaskus aus bis 750. Die Familie des Propheten ließ sich jedoch nicht kampflos von der Macht verdrängen. Viele Muslime hielten nach wie vor der Prophetenfamilie die Treue. Es entstand eine religiös-politische Oppositionspartei, Partei arab.: šīʿā. Die Ereignisse gipfelten schließlich in der zweiten fitna, bei der auch der Prophetenenkel al-Ḥusaīn eine wichtige Rolle spielte und führte zur engültigen Spaltung der Umma in Sunniten und Schiiten.

Die Schia

Nachdem Muʿāwiya das Kalifat erblich machte und seinen Sohn Yazīd als Erben einsetzte, ging der Prophetenenkel al-Ḥusaīn von Medina in den Irak. Sein Ziel war es, sich mit den Anhängern seines Vaters, der Šīʿāt ʿAlī, also den Schiiten, zu verbünden und seine Nachfolge durchzusetzen. Die Provinzhauptstadt Kufa, auf deren Bewohner al-Ḥusaīn gesetzt hatte, wendete sich jedoch gegen ihn, er zog mit seiner Familie und einer Handvoll Anhänger weiter nach Norden. Dabei wurde er von Truppen Muʿāwiyas beschattet und fiel 680 bei dem Ort Kerbelā am Euphrat in einem Gefecht. Mit ihm kamen fast alle männlichen Begleiter zu Tode. Nur ein Sohn al-Ḥusaīns überlebte.

Diese Ereignisse sind prägend für die schiitische Religiosität. Sie ist gekennzeichnet von einem starken Passions- und Märtyrerkult. Kufa entwickelte sich zur Hochburg der Schia, gefolgt von der später gegründeten Stadt Qom südlich des heutigen Teheran.

Die Schiiten halten an der Nachfolge Muḥammads durch seine Verwandten fest:

Da ist zum ersten ʿAlī, der ihnen als einziger rechtmäßiger Kalif gilt und das gottgewollte Oberhaupt, arab.: imām, der Gemeinde ist. Er gilt als der erste Imam. Der zweite Imam ist sein Sohn al-Hasan, gefolgt von al-Ḥusaīn und dessen Nachkommen. Der elfte Imam ist schließlich al-Hasan al-ʿAskarī (gest. 874). Dieser Imam hinterließ keine Nachkommen, womit die Reihe der Imame abgerissen schien. Schließlich setzte sich der Glaube durch, ein zwölfter Imam namens Muḥammad sei von seinem Vater versteckt worden, um ihn vor der Verfolgung der mittlerweile in Bagdad als Kalifen herrschenden Abbasiden zu beschützen. Dieser verborgene Imam werde eines Tages als der „Rechtgeleitete“, arab.: mahdī, erscheinen und die irregeleiteten Muslime vereinigen. Der Glaube an den Mahdī und seine Wiederkunft war über Jahrhunderte hinweg das stärkste Bindeglied der Schiiten. Es gibt jedoch auch schiitische Gruppierungen, die einer Kette von sieben (Ismailiten) oder fünf Imamen folgen.

Schiiten waren seid der Abspaltung von den Sunniten zahlreichen Verfolgungen ausgesetzt. Erst im 10. Jahrhundert besserte sich die Lage der Schiiten, da in Ost und West schiitische Dynastien an die Macht kamen (Buyiden in Bagdad, Fatimiden im Maghreb).