afkari افكاري

Ein nicht immer wissenschaftlicher Islamwissenschaftsblog

Schlagwort: Tilmann Nagel

Die Sprache des Koran – Der Wandel in der westlichen Koranforschung und die Luxenberg-Debatte (XIV)

XIV. Resümee – wie ich das sehe

Muḥammad als fiktive, nachträglich konstruierte Person, der Koran als ein urchristliches Dokument und die Sprache des Koran als eine aramäisch-arabische Mischsprache. Diese Thesen revisionistischer Koranforscher wie Wansbrough, Crone und Cook aus den siebziger Jahren finden seit Beginn des 21. Jahrhunderts neuen Aufschwung durch die Arbeit Luxenbergs und in dessen Kielwasser auch durch die Arbeiten Ohligs. Luxenbergs These vom fehlgelesenen Koran und den als Paradiesjungfrauen missverstandenen weißen Weintrauben findet auch in der Nicht-Fachpresse seit mehr als zehn Jahren immer wieder großen Anklang und Verbreitung.[1] Weder Luxenberg noch Ohlig nennen die Werke Wansbroughs oder anderer Vertreter der Revisionisten als Grundlagen. Dies verwundert umso mehr, als doch bereits Günther Lüling 1974 in seiner Studie Über den Ur-Qurʾan die Ansicht vertritt, dass dem Korantext christliche Hymnen zugrunde liegen, die in einem dialektalen Arabisch verfasst sind. Aufgrund der mehrdeutigen arabischen Schrift wurden diese Hymnen fehlgelesen.[2] Diese Annahmen finden sich auch bei Luxenberg wieder. Bei Ohlig stehen ebenfalls früher aufgestellte und veröffentlichte Ansätze. Ähnlich wie Crone und Cook nutzt er ausschließlich nicht-islamische Quellen. Die Doctrina Iacobi findet sich sowohl in Hagarism als auch bei Ohlig.

Den meisten revisionistischen Arbeiten gemein ist die Annahme, dass die frühislamische Geschichte später konstruiert wurde. Gegen diese These werden vermehrt Argumente vorgebracht. Außer Nicolai Sinai und anderen lehnt auch Fred Donner die Behauptung von einer Geschichtsfälschung ab.

„The sceptical school asks us to believe that these ‘authorities’, whoever they were, could have tracked down every book and tradition contained in every manuscript in the whole Islamic community, from India to Spain, so that no view dissenting from the standard orthodox position was allowed to survive. Even if, for the sake of argument, we grant the existence of a ‘standard orthodoxy’, such comprehensive control is simply unbelievable, given the nature of society and the state of communications in the early Islamic world.”[3]

Sinais Argumentation bezüglich einer nachträglichen Konstruktion von Heils- und Entstehungsgeschichte erscheint mir denn auch sinnig. Innerhalb verschiedener Strömungen und Gruppierungen des Islams und auch einander feindlich gesinnter Parteien herrscht weitestgehend Konsens, wie die frühislamische Geschichte aussieht. Würde es sich dabei um Geschichtsfälschung handeln, gäbe es diesen Konsens wohl nicht. Kein Staatsapparat dieser Zeit hätte die Möglichkeit zu solch einer weitreichenden Zensur und Manipulation der Quellen.[4] Bedenkt man die Auseinandersetzungen, Anfeindungen und Kriege, die zwischen Sunniten und Schiiten seit dem Kalifat ʿAlīs herrschten und noch immer aufflammen, erscheint die Historizität als gegeben. Schließlich wäre es nur logisch, dass sich eine Partei von der anderen dadurch abgrenzt, wenn sie einer anderen Heilsgeschichte folgt. Das indes ist nur vorstellbar, wenn die Ereignisse rund um die Entstehung des Islam nicht im Gedächtnis der Glaubensgemeinschaft verankert und in Quellen glaubhaft belegt werden, sondern später durch Manipulation und Konstruktion entstanden sind. Diesem Argument folgt auch de Blois. Im Gegensatz zum Neuen Testament handelt es sich beim Koran um eine Schrift mit einem weitestgehend einheitlichen Stil und übereinstimmendem theologischen Inhalt. Trotz zahlreicher Differenzen herrscht unter den verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen und Sekten Einigkeit über den koranischen Kanon. Diese Einigkeit lässt sich bei verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen und Sekten bezüglich der Bibel nicht finden. Die Einheitlichkeit des Koran ist somit für de Blois ein Argument für die mündliche Überlieferung und gegen die revisionistischen Versuche, die als unhistorisch abzutun.[5]

Der Unterschied zwischen den früheren Werken Wansbroughs, Crones und Cooks und denen von Luxenberg und Ohlig besteht meines Erachtens darin, dass den Forschern der Wansbrough-Schule durchaus eine wissenschaftliche Vorgehensweise attestiert werden kann. Ihre Forschung brachte erstmals nichtliterarische und auch außerislamische Quellen in die Frühislamforschung ein.[6] Den Koran als Produkt eines Kommunikationsprozesses zu betrachten, stellt somit auch eine wichtige Neuerung in der Forschung dar.[7] Bei Luxenberg und Ohlig finden sich solch neue Erkenntnisse für die Forschung nicht. Davon abgesehen wirkt es schon befremdlich, dass ein Wissenschaftler unter Pseudonym veröffentlicht. Luxenbergs Erklärung für die Wahl eines Pseudonyms erscheint mir denn auch wenig einleuchtend.

„Wenn ich es nur mit Wissenschaftlern zu tun hätte, hätte ich, außer sich selbst entlarvenden Kritiken, nichts zu befürchten. Aber leider kann ich nicht ausschließen, dass radikale Islamisten meine Interpretation missverstehen und sie als Angriff auf den Koran und den Islam interpretieren. Ich wäre niemals auf die Idee eines Pseudonyms gekommen, wenn nicht jüngste Beispiele mich abgeschreckt hätten, wie Salman Rushdie und andere Beispiele.“[8]

Bei dieser Begründung läge es nahe, dass Luxenbergs Kollege Ohlig ebenfalls ein Pseudonym verwendet. Schließlich geht Ohlig nicht nur von einer Fehllesung des Koran aus, sondern glaubt aufzeigen zu können, dass der Prophet Muḥammad eine reine Erfindung des 8. und 9. Jahrhunderts ist.[9] Was wohl wirklich dazu geeignet wäre, den Zorn nicht nur radikaler Islamisten auf sich zu ziehen. Auf der Basis einer

„wunderliche[n] Mischung aus semitistischem Grundwissen […] verquickt mit weitschweifenden Phantasien“[10]

und der Ansicht, dass es eher hinderlich ist, wenn derjenige, der sich mit dem Koran und seiner Sprache befasst, Kenntnisse der klassisch-arabischen Grammatik besitzt[11], erscheint es mir vermessen, das Arabische als Sprache des Koran abzulehnen und auf eine syro-aramäische Lesart als der Richtigen zu bestehen. Luxenbergs Theorie, dass einzelne Wörter des Korantextes scheinbar nicht in den größeren Zusammenhang passen, weil sie eben arabisch und nicht aramäisch gelesen werden[12], erscheint mir ebenfalls zurechtgelegt. Schließlich haben frühere Untersuchungen ergeben, dass durch die besondere Sprachform des Koran, die Reimprosa, ein Endreim festgelegt ist und es dadurch bei Satzbau und Wortwahl zu Abweichungen von der üblichen Grammatik kommt.[13] Dies ist schließlich bei allen Reimformen in jeder Sprache festzustellen. Ohligs Überzeugung von seiner eigenen Überlegenheit aufgrund seiner Unkenntnis der arabischen Sprache, wirkt auf mich unprofessionell und zurechtgelegt. Als weiteres unprofessionelles Merkmal seiner Arbeit erscheint mir die fehlerhafte Nutzung der Umschrift. Auch wenn er des Arabischen nicht mächtig ist, sollte in wissenschaftlichen Aufsätzen und Werken meines Erachtens nach darauf geachtet werden, arabische Wörter und Namen korrekt wiederzugeben. Schließlich findet sich die Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) sogar in Wikipedia-Artikeln. Für seinen Artikel Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam scheint diese kurze Recherche allerdings zu aufwendig gewesen zu sein. Ohlig verwendet zwar eine Art Umschrift und nicht die eingedeutschten Namensvarianten, doch ist nicht klar, woher er diese Umschrift bezieht. Korrekt ist sie meines Erachtens nach jedenfalls nicht.

Neue Erkenntnisse oder Ansätze für die Forschung in Bezug auf Koran, Koransprache und frühislamische Geschichte mögen in den Werken Wansbroughs und Vertretern seiner Schule zu finden sein. In den Arbeiten Luxenbergs und Ohlig kann ich solche Erkenntnisse und Ansätze nicht erkennen. Meiner Meinung nach ist es Luxenberg und Ohlig gelungen, mit ihren Thesen über Koransprache, Koranentstehung und Muḥammad in die Schlagzeilen auch außerhalb der Wissenschaft zu kommen. Dieser zweifelhafte Erfolg war Lüling, Wansbrough und den anderen Wissenschaftler, auf deren Arbeiten Luxenberg und Ohlig offensichtlich aufbauen, nicht vergönnt.

Ich erachte die Thesen Luxenbergs und Ohligs weder für fundiert noch für seriös. Der katholische Theologe Ohlig stellt das Christentum über den Islam, indem er aus einer eigenständigen Religion eine bloße christliche Sekte macht. Was absurd ist, denn bedenkt man der Tatsache, dass beispielsweise die Darstellungen der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind in frappierender Weise den Statuen der altägyptischen Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus ähneln, so kommt doch niemand auf die Idee, das Christentum als altägyptische, heidnische Religion zu bezeichnen. Es ist meiner Ansicht nach schlicht normal, dass Riten, Darstellungen und Traditionen aus dem natürlichen Umfeld in eine entstehende Religion aufgenommen werden. So eben auch angeblich christliche Darstellungen auf islamischen Münzen. Doch drängt sich mir, ähnlich wie Tilman Nagel, der Verdacht auf, dass es Ohlig nicht um die Erforschung der frühislamischen Geschichte, sondern um einen innerkatholischen Konflikt geht. Er lehnt die Trinitätslehre ab und sucht nach Berichten über ein antitrinitarisches Christentum, das seinen Vorstellungen von Jesus als ‚Knecht Gottes‘ und nicht als ‚Sohn Gottes‘ folgt. Weshalb er dafür die islamische Geschichte umkonstruiert, erschließt sich mir nur undeutlich.

Es leuchtet jedoch ein, dass Thesen, in denen die islamische Religion und ihr Prophet als christliche Sekte und historische Lüge und der Koran als komplett fehlinterpretiert dargestellt werden, in Zeiten von 9/11, Islamophobie, Kopftuch-Streit und ständiger Terrorangst den allgemeinen Medien Themen liefern, die für Interesse in der breiten Masse sorgen. Der Reiz von Verschwörungstheorien geht offensichtlich nie verloren.

[1] Siehe unter anderem: Lau, a.a.O.

[2] Neuwirth, 2007a, a.a.O., S. 130f.

[3] Sinai, a.a.O., S. 29f.

[4] Sinai, a.a.O., S. 30.

[5] de Blois, a.a.O., S. 618f.

[6] Sinai, a.a.O., S. 26.

[7] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 93f.

[8] Luxenberg, 2007, a.a.O., S. 34.

[9] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 8.

[10] Nagel, Tilman: Befreit den Propheten aus seiner religiösen Umklammerung! URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/islamwissenschaft-befreit-den-propheten-aus-seiner-religioesen-umklammerung-1464313.html (Stand 15. Juli 2013).

[11] Luxenberg, 2000, a.o.O., S. 118.

[12] Luxenberg, 2000, a.o.O., S.83.

[13] Nagel, 1998, a.a.O., S. 16.

Die Sprache des Koran – Der Wandel in der westlichen Koranforschung und die Luxenberg-Debatte (XIII)

XIII. Die Sprache des Koran nach Luxenberg und Ohlig: Karl-Heinz Ohlig – Die Nicht-Existenz des Propheten Muḥammad

Der von Luxenberg in die Aufmerksamkeit der Medien gerückte und damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemachte mögliche christliche Ursprung des Islam bewegt 2005 den katholischen Theologen Karl-Heinz Ohlig, gemeinsam mit Gerd Rüdiger Puin den Sammelband Die dunklen Anfänge – Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam herauszugeben. In diesem und auch dem Nachfolgeband Der frühe Islam – Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen aus dem Jahr 2007 sowie dem mit Markus Groß herausgegebenen Band Schlaglichter – Die beiden ersten islamischen Jahrhunderte von 2008 versucht Ohlig aufzuzeigen, dass es sich bei der frühen Islamgeschichte um eine christliche handelt.[1] Ausgangspunkt seiner Annahmen ist für Ohlig die Tatsache, dass im Koran selbst nur wenige biographische Hinweise über den Propheten Muḥammad zu finden sind. Alle Informationen bezüglich der Biographie Muḥammads stammen aus Werken aus dem
9. und 10. Jahrhundert. Zu diesen Werken gehört die sīra des Ibn Hišām aus dem frühen 9. Jahrhundert. In dieser enthalten ist die früher verfasste sīra des Ibn Isḥāq aus dem
8. Jahrhundert. Doch stellt Ohlig in den Raum, dass es sich dabei um die Übernahme eines fiktiven Berichts handeln könnte. Warum er die Historizität des bei Ibn Hišām enthaltenen Werkes von Ibn Isḥāq in Frage stellt, lässt Ohlig offen. Auch die Annalen des aṭ-Ṭabarīs aus dem 10. Jahrhundert und die sechs kanonischen Ḥadīṯsammlungen des späten 9. Jahrhunderts bieten Informationen über das Leben des Propheten. Da diese Quellen erst circa zwei Jahrhunderte nach den in ihnen wiedergegebenen Geschehnissen entstehen, ist ihr Wahrheitsgehalt, so Ohlig, anzuzweifeln.[2] Ohlig schließt sich dabei der Aussage Jehuda D. Nevos an. In der 2003 posthum von Judith Koren veröffentlichten Studie Crossroads to Islam -The Origins of the Arab Religion and the Arab State verwerfen Nevo und Koren, ähnlich wie Crone und Cook, die Quellen der islamischen Tradition als historisch wertlos, da diese eben mit einem beträchtlichen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen verschriftlicht wurden.[3] Damit beziehen sich letztendlich alle, Crone und Cook, Nevo und Koren und eben Ohlig auf Wansbrough und seine Quranic Studies. Nevo und Koren schließlich kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass die historische Person des Propheten Muḥammad nicht nur anzuzweifeln ist, sondern schlicht niemals existiert hat.

„Muhammad is not a historical figure, and his official biography is a product of the age in which it was written.”[4]

Ohlig wirft der bisherigen Forschung eine Selbstblockade vor. Diese besteht darin, die erst im 9. Jahrhundert entstandenen Texte zur Person Muḥammads und zur frühislamischen Geschichte als historisch zu betrachten. Ohlig präsentiert fünf Grundthesen der islamischen Tradition, die seines Erachtens dringend einer Überprüfung in Bezug auf ihre Historizität bedürfen, da es diese anzuzweifeln gilt. Für ihn gilt es folgende Annahmen neu zu überdenken und mit ‚methodischem Zweifel‘ zu betrachten:

  1. Der Koran geht auf die Verkündigungen eines arabischen Propheten namens Muḥammad zurück, der um 570 geboren wird und 632 nach mehrjährigem Wirken als Prophet stirbt.
  2. Das Leben und Wirken dieses Propheten findet auf dem Ḥiǧāz, vor allem in den Städten Mekka und Medina statt.
  3. Eine endgültige Redaktion des Koran findet bald nach dem Tod Muḥammads statt.
  4. Bereits im frühen 7. Jahrhundert ist der Islam eine etablierte, neue Religion.
  5. Bei der Sprache des Koran handelt es sich um reines Arabisch.[5]

Ohlig hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Annahmen zu widerlegen und eine seines Erachtens nach korrekte Darstellung der frühislamischen Geschichte zu liefern. Er geht von einer im Osten entstandenen Christologie aus, die sich unabhängig von den Ergebnissen des Konzils von Nicäa sektenhaft entwickelte und deren Schrift durch
ʿAbd al-Malik[6] als Koran nach Westen gelangte.[7] Auf Grundlage der späten Quellen gelangt er zu der These von der Nichtexistenz des Propheten Muḥammad.[8]

Ohlig stützt sich dabei wie Crone und Cook oder auch Luxenberg[9] auf außerislamische Quellen wie Chroniken, Briefe, Predigten, Apokalypsen und andere theologische Werke. Außer innerchristlichen Auseinandersetzungen finden sich in diesen Quellen nur selten Erwähnungen der arabischen Herrschaft. Bei solch seltenen Erwähnungen wird laut Ohlig auch nicht von Arabern gesprochen, sondern von Sarazenen, Ismaeliten oder Hagarenern.[10] Bei letzterem Begriff bezieht sich Ohlig offensichtlich auf Crone und Cook. Dass die Sarazenen, Ismaeliten, Hagarener oder wie auch immer sie genannt werden, auch in diesen Quellen mit Arabien in Verbindung gebracht werden, obwohl Ohlig doch eine Entstehung des Islam auf der Arabischen Halbinsel bestreitet, erklärt er folgendermaßen: Arabien kann sich in diesem Kontext auch auf Arabiya in Mesopotamien oder auf die von den Römern im Jahr 106 eroberte Region zwischen Damaskus und Rotem Meer, die provincia arabia, beziehen. Hinweise auf die in der islamischen Tradition überlieferten Eroberungen durch die Araber findet Ohlig in seinen Quellen nicht. Jedoch wird der arabische, aber nicht der muslimische, Herrscher Muʿāwiya erwähnt und die arabische Herrschaft gelobt. Dies ändert sich jedoch unter ʿAbd al-Malik. Von nun an taucht die arabische Herrschaft in den Quellen als Strafe Gottes und in den Apokalypsen als Vorstufe zur Herrschaft des Antichristen auf. Doch von diesen Berichten über arabisch-christliche Herrscher abgesehen, finden sich keinerlei Hinweise auf eine neue Religion. Nur in wenigen Fällen gehen die Quellen auf die Glaubensauffassungen der Araber ein. In diesen Fällen wird deren Religion unter die christlichen Häresien eingeordnet.[11] Die vehemente Ablehnung einer Binitäts- oder Trinitätslehre im Koran dient Ohlig als Hinweis, dass der Islam auf einem aramäischen Christentum beruht, das sich strikt gegen eine Dreifaltigkeit Gottes, wie sie in Nicäa beschlossen wurde, ausspricht.[12] Nach der Eroberung der Stadt Hatra im Jahr 241 durch die Sasaniden werden die Bewohner, darunter eben auch Christen, deportiert und unter anderem in Marv angesiedelt. Dort entwickeln sie ihr frühes Christentum weiter, unabhängig von den Beschlüssen von Nicäa. Dort entstehen auch die Anfänge der koranischen Tradition.[13] Schließlich kommen diese koranischen Grundmaterialien nach Westen und werden von dem aus Marv stammenden ʿAbd al-Malik in ein Arabisch, das deutliche Einflüsse einer syro-aramäischen Mischsprache zeigt, übersetzt und zu einem Teil der Staatsdoktrin erhoben.[14] Berichte von muslimischer Seite über die Redaktion des Koran unter ʿUṯmān stammen vornehmlich aus dem
9. Jahrhundert und stellen so für Ohlig keine gesicherte Quelle über die Vorgänge dar. Diese Berichte entstehen nach Ohligs These, um den Koran im Nachhinein als alt und in zeitlicher Nähe zu dem später konstruierten Propheten zu etablieren.[15]

Auch die islamische Zeitrechnung, beginnend mit dem Jahr 622, ist laut Ohlig zuerst eine arabisch-christliche Zählung, die später islamisiert und mit der (fiktiven) Hiǧra in Zusammenhang gebracht wird.[16] Anfangs bezieht sich das Jahr 622 als Jahr null einer neuen Zeitrechnung auf den Sieg des byzantinischen Kaiser Heraklius über die Sasaniden und die dadurch resultierende Rückeroberung ehemals römischer Gebiete. Diese Gebiete unterstellt Heraklius anschließend dortigen arabischen Herrschern. Ohlig bezeichnet sie als Herakliusʾ Confoederati.[17] Diesen Begriff überträgt er dann ins Arabische und nennt die Confoederati Quraīš[18]. Die spätere Dynastie der Umayyaden ist für Ohlig zwar im Gegensatz zu Muḥammad unzweifelhaft historisch belegt, allerdings handelt es sich bei dieser Dynastie und wohl auch noch bei den frühen Abbasiden[19] um arabisch-christliche Stammesführer und Herrscher.[20]

Diese ganze Konstruktion einer christlichen Geschichte als Frühgeschichte des Islam hängt, wie Angelika Neuwirth aufweist, an der Eliminierung der historischen Person Muḥammads und der Umformung dieses arabischen Namens mit der Bedeutung ‚der Gepriesene‘ zu einem Hoheitstitel für Jesus. Durch diese Deutung des Namens ist es Ohlig möglich, den Propheten Muḥammad als nicht historisch darzustellen.[21] Ausgangspunkt der Wandlung von einem Hoheitstitel Jesu hin zum Propheten einer neuen Religion sind erste Münzprägungen der frühen arabisch-christlichen Herrscher. Diese Münzen zeigen eine christliche Ikonographie. Es finden sich beispielsweise Kreuze und Abbildungen von Herrschern mit Langkreuz. Ohlig folgert daraus, dass es für die arabischen Herrscher zu dieser Zeit keinen Grund für eine neue Symbolik gibt. Die Etablierung einer neuen Religion hätte aber, so Ohlig, einen Wandel innerhalb der religiösen Symbolik mit sich gebracht. Außer den christlichen Symbolen findet sich auf den Münzen die Prägung MHMT. Diese Prägung wird schließlich um den arabischen Zusatz muḥammad ergänzt und letztlich von diesem Zusatz ersetzt. Ohlig setzt die Bedeutung des arabischen Wortes für ‚der Gepriesene‘ beziehungsweise für ‚der Gelobte‘ gleich mit dem kirchensprachlichen Begriff benedictus und damit der Bedeutung ‚der zu Preisende‘ oder ‚der zu Lobende‘. Ohlig schließt über die auf den Münzen neben MHMT und muḥammad geprägte christliche Ikonographie auf muḥammad als Prädikat für Jesus. Bezüglich der christlichen Symbolik auf den arabischen Münzen weist Stefan Heidemann jedoch auf eine Art Konservierung von Münzmerkmalen hin. Da der Wert eines Geldstückes vor allem davon abhängt, ob es von der Bevölkerung als Zahlungsmittel anerkannt wird und die Menschen zu jener Zeit noch mehrheitlich christlich sind, scheint es nur logisch, vorerst alte Symbole beizubehalten. Auch sind die arabischen Machthaber in dieser Zeit, der islamischen Tradition folgend beziehungsweise jenen Forschern, die diese im Kern als historisch betrachten, vielmehr damit beschäftigt, weitere Eroberungen zu planen und durchzuführen.[22]

Jedoch bestätigen auch Inschriften des Felsendoms in Jerusalem, die die Namen Muḥammad und ʿAbdallāh enthalten, Ohlig in seiner Annahme. Denn für ihn handelt es sich keinesfalls um Namen, sondern um eine Aufforderung zur Lobpreisung Jesu. Dabei übersetzt er muḥammad mit ‚zu loben ist‘ und ergänzt dies durch die Übersetzung ʿAbdallāhs, ‚der Knecht Gottes‘. Im Ganzen ergibt sich also ‚zu loben ist der Knecht Gottes‘ mit der anschließenden namentlichen Nennung Jesu, dem Sohn der Maria. Dass Jesus hier nicht als Sohn Gottes bezeichnet wird, rechnet Ohlig dem antitrinitarischen Christentum der Araber zu. Die Antitrinitätslehre findet sich schließlich auch im Koran wieder.[23] Unter ʿAbd al-Malik ändert sich, so Ohlig, die Darstellung des Kreuzes auf Münzen in ein Steinidol mit Bezug auf den Felsendom. Dadurch grenzt sich die arabische Reichskirche zunehmend von den Byzantinern und den syrischen Christen ab. Auch die Erwähnung Jesu geht in späteren Inschriften, wie denen in der Umayyadenmoschee in Damaskus, verloren, so dass der Titel muḥammad

„keinen eindeutigen Bezug mehr [hatte]; der isolierte Begriff konnte nun auch mit neuem Material ‚gefüllt‘ werden.“[24]

Aus dem Titel muḥammad wird dann von der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts an der Name eines arabischen Propheten. Im 9. Jahrhundert widerfährt dem Titel ʿabd allāh ähnliches. Er wird zum Namen des Vaters jenes Propheten und in Verbindung wird daraus Muḥammad b. ʿAbdallāh, also Muḥammad, Sohn des ʿAbdallāh. In diese Zeit datiert Ohlig schließlich auch die Konstruktion der Geschehnisse um die Entstehung des Islam wie sie aus der islamischen Tradition bekannt sind. Ort dieser Ereignisse wird nachträglich der Ḥiǧāz als die ethnische Heimat der Araber mit den bedeutenden Städten Mekka und Medina.[25]

Da die gesamte These Ohligs auf der Umdeutung eines Hoheitstitels Jesu hin zum Namen eines fiktiven, später historisierten islamischen Propheten beruht, erscheint die Bewertung Angelika Neuwirths annähernd vernichtend. Sie bemerkt, dass

„dieser Grundstein der Argumentation [Ohligs] allerdings selbst ins Wanken geraten [ist]. Die suggestive Namensumdeutung läßt sich nicht mehr aufrechterhalten, nachdem in der Südarabienforschung Parallelfälle für die Übertragung von göttlichen Ehrentiteln auf privilegierte Personen aus ihrem Anbeterkreis nachgewiesen wurden. Der Name Muḥammad, ‚der Gepriesene‘, […] stellt sich in diesem Licht plausibel als eine auf den Propheten als Gottgesandten übertragende Ehrenbezeichnung dar.“[26]

Tilman Nagel attestiert Ohlig mangelndes Interesse am Islam. Äußerungen Ohligs, er sei den des Arabischen mächtigen Forschern dadurch überlegen, dass er keinen Zugang zu arabischen Quellen habe und dadurch unbefangen an das Thema der frühislamischen Forschung gehen könne, erscheinen als sehr gewagt. Laut Nagel geht es Ohlig eben nicht um die frühislamische Geschichte, sondern darum,

„Zeugnisse eines nicht-trinitarischen Christentums aufzuspüren, das für ihn das wahre ist: Jesus war nicht der Sohn Gottes, sondern ein vorbildlicher Mensch; er war der Knecht Gottes.“[27]

Gegen die bei den revisionistischen Forschern vorgebrachte These von der Entstehung des Islam außerhalb des Ḥiǧāz stellt François de Blois die Übernahme heidnischer Traditionen in die islamische Religionsausübung. Die Ḥaǧǧ, die Umrundung der Kaʿba und das Küssen des Schwarzen Steins, sind für de Blois deutliche Überbleibsel heidnischer Bräuche der Arabischen Halbinsel. Da diese Bräuche an bestimmte Orte gebunden sind, folgert de Blois, dass der Gott Ismāʾīls im Gegensatz zum Gott der Israeliten kein nomadischer Gott ist. Die Anbetung des Gottes Ismāʾīls erfolgt an feststehenden heiligen Orten auf dem Ḥiǧāz, während der israelitische Gott in alttestamentarischen Zeiten in einem mobilen, die Nomaden bei ihren Wanderungen begleitenden Tabernakel verehrt wird. Die Ursprünge des Islam liegen also, so de Blois, nirgendwo anders als eben dort. De Blois schließt daraus:

„The Bible did not ‚come from Arabia,‘ but the Qurʾan did.”[28]

[1] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 101.

[2] Ohlig, Karl-Heinz: Wieso dunkle Anfänge des Islam?, in: Ohlig, Karl-Heinz und Gerd-Rüdiger Puin (Hrsg.): Die dunklen Anfänge – Neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin, Verlag Hans Schiler, 3. Auflage, 2007d. S. 7 – 8.

[3] Sinai, a.a.O., S. 27.

[4] Nevo, Yehuda D. und Judith Koren: Crossroads to Islam – The Origins of the Arab Religion and the Arab State, Amherst, Prometheus Books, 2003. S. 11.

[5] Ohlig, 2007b, a.a.O., S. 9.

[6] Reg. 685 – 705. Kalif der Umayyaden und Erbauer des Felsendoms in Jerusalem (Halm, a.a.O., S. 57.)

[7] Ohlig, 2007b, a.a.O., S. 8.

[8] Ohlig, 2007d, a.a.O., S. 7.

[9] S.o. III.2.3.3. und IV.1. Crone/Cook legen den Schwerpunkt ihrer Forschung auf außerislamische Quellen. Diese stehen allerdings nur in geringer Anzahl zur Verfügung. So beispielsweise die antijüdische Doctrina Iacobi. Luxenberg versucht u.a. anhand der Hymen von Ephraem des Syrers aufzuzeigen, dass es sich bei den Ḥūrīs um weiße Weintrauben und nicht um Paradiesjungfrauen handelt. Ohlig beschäftigt sich ebenfalls mit der Doctrina Iacobi und den Hymnen Ephraems des Syrers (Ohlig, Karl-Heinz: Hinweise auf eine neue Religion in der christlichen Literatur „unter islamischer Herrschaft“?, in: Ohlig, Karl-Heinz (Hrsg.): Der frühe Islam – Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen, Berlin, Verlag Hans Schiler, 1. Auflage, 2007e. S. 237 und S. 270.)

[10] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 4.

[11] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 4.

[12] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 5.

[13] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 6.

[14] Ohlig, 2007a, a.a.O., S. 8.

[15] Ohlig, 2007a, a.a.O., S. 328.

[16] Ohlig, 2007d, a.a.O., S. 10.

[17] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 6.

[18] Dies soll wohl eine weitere Hinleitung auf die falsche Darstellung des frühen Islam sein. In der islamischen Tradition sind die Quraīš der in Mekka ansässige Stamm, dem auch Muḥammad angehört und der sich später gegen Muḥammad wendet und ihn zur Hiǧra nach Medina bewegt. (Halm, a.a.O., S. 18f.)

[19] Kalifendynastie von 750 – 1258. Bagdad wird Hauptstadt des Reiches. (Halm, a.a.O., S. 32f.)

[20] Ohlig, 2007d, a.a.O., S. 10.

[21] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 101.

[22] Sinai, a.a.O., S. 29.

[23] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 7f.

[24] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 8.

[25] Ebd.

[26] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 101f.

[27] Nagel, Tilman: Befreit den Propheten aus seiner religiösen Umklammerung! URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/islamwissenschaft-befreit-den-propheten-aus-seiner-religioesen-umklammerung-1464313.html (Stand 15. Juli 2013).

[28] de Blois, a.a.O., S. 620f.

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