afkari افكاري

Ein nicht immer wissenschaftlicher Islamwissenschaftsblog

Schlagwort: Koran (Seite 1 von 3)

Koran erklärt – Sendereihe des DLF

Der Deutschlandfunk ist gestern mit einer neuen, multimedialen Sendereihe gestartet.  Bei Koran erklärt werden nun jeden Freitagvormittag im Deutschlandradio einzelne Koranverse erläutert. Hintergrund ist, dass nicht nur über den Koran geredet, sondern auch erklärt und vorgestellt wird, was der Koran eigentlich ist. Eine schöne Idee, wie ich finde.

Deutschlandradio-Intendant Willi Steul hat diese Idee gemeinsam mit Kollgen entwickelt. Muslimische Islamwissenschaftler besprechen nun immer freitags einzelne Verse, stellen sie in den historischen Zusammenhang und erläutern die enthaltenen Aussagen. Willi Steul betont im Gespräch mit Susanne Fritz, wie wichtig Information und Aufklärung als Basis für Diskussionen sind:

[…] sogar am Stammtisch wird mittlerweile über den Koran geredet. Da sollte man nicht über ihn reden, sondern auch mal vorstellen, was ist das eigentlich.

Auch auf die laienhafte und teils willkürliche Auslegung von Koranversen durch Salafisten in Deutschland nimmt Steul Bezug:

Wissen Sie, die Salafisten, die hier so in Deutschland unterwegs sind, das sind alles Laien, das sind Menschen, die nehmen sich den Koran aus dem Zusammenhang, ohne ihn eigentlich richtig zu kennen.

Den Anfang hat gestern Prof. Dr. Ömer Özsoy gemacht. Er erläutert anhand von Sure 4, Vers 163 das Verhältnis des Islam zu den zwei anderen großen monotheistischen Religionen Judentum und Christentum.

Alle Beiträge der Sendereihe sind hier als Audio zum Nachhören und in Textform zu finden.

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: schöne Sache, schöne Idee.

Was ist der Koran?

 

Was genau ist der Koran und was wird in ihm erzählt? Ist er einfach nur die islamische Version der Bibel?

Die Menschen hinter TRIALOG haben sich mit dem Tübinger Islamwissenschaftler Max Bilal Heidelberger unterhalten. In einem kurzen Video erklärt er kurz und verständlich, was der Koran eigentlich ist.

 

Die Sprache des Koran – Der Wandel in der westlichen Koranforschung und die Luxenberg-Debatte (XIV)

XIV. Resümee – wie ich das sehe

Muḥammad als fiktive, nachträglich konstruierte Person, der Koran als ein urchristliches Dokument und die Sprache des Koran als eine aramäisch-arabische Mischsprache. Diese Thesen revisionistischer Koranforscher wie Wansbrough, Crone und Cook aus den siebziger Jahren finden seit Beginn des 21. Jahrhunderts neuen Aufschwung durch die Arbeit Luxenbergs und in dessen Kielwasser auch durch die Arbeiten Ohligs. Luxenbergs These vom fehlgelesenen Koran und den als Paradiesjungfrauen missverstandenen weißen Weintrauben findet auch in der Nicht-Fachpresse seit mehr als zehn Jahren immer wieder großen Anklang und Verbreitung.[1] Weder Luxenberg noch Ohlig nennen die Werke Wansbroughs oder anderer Vertreter der Revisionisten als Grundlagen. Dies verwundert umso mehr, als doch bereits Günther Lüling 1974 in seiner Studie Über den Ur-Qurʾan die Ansicht vertritt, dass dem Korantext christliche Hymnen zugrunde liegen, die in einem dialektalen Arabisch verfasst sind. Aufgrund der mehrdeutigen arabischen Schrift wurden diese Hymnen fehlgelesen.[2] Diese Annahmen finden sich auch bei Luxenberg wieder. Bei Ohlig stehen ebenfalls früher aufgestellte und veröffentlichte Ansätze. Ähnlich wie Crone und Cook nutzt er ausschließlich nicht-islamische Quellen. Die Doctrina Iacobi findet sich sowohl in Hagarism als auch bei Ohlig.

Den meisten revisionistischen Arbeiten gemein ist die Annahme, dass die frühislamische Geschichte später konstruiert wurde. Gegen diese These werden vermehrt Argumente vorgebracht. Außer Nicolai Sinai und anderen lehnt auch Fred Donner die Behauptung von einer Geschichtsfälschung ab.

„The sceptical school asks us to believe that these ‘authorities’, whoever they were, could have tracked down every book and tradition contained in every manuscript in the whole Islamic community, from India to Spain, so that no view dissenting from the standard orthodox position was allowed to survive. Even if, for the sake of argument, we grant the existence of a ‘standard orthodoxy’, such comprehensive control is simply unbelievable, given the nature of society and the state of communications in the early Islamic world.”[3]

Sinais Argumentation bezüglich einer nachträglichen Konstruktion von Heils- und Entstehungsgeschichte erscheint mir denn auch sinnig. Innerhalb verschiedener Strömungen und Gruppierungen des Islams und auch einander feindlich gesinnter Parteien herrscht weitestgehend Konsens, wie die frühislamische Geschichte aussieht. Würde es sich dabei um Geschichtsfälschung handeln, gäbe es diesen Konsens wohl nicht. Kein Staatsapparat dieser Zeit hätte die Möglichkeit zu solch einer weitreichenden Zensur und Manipulation der Quellen.[4] Bedenkt man die Auseinandersetzungen, Anfeindungen und Kriege, die zwischen Sunniten und Schiiten seit dem Kalifat ʿAlīs herrschten und noch immer aufflammen, erscheint die Historizität als gegeben. Schließlich wäre es nur logisch, dass sich eine Partei von der anderen dadurch abgrenzt, wenn sie einer anderen Heilsgeschichte folgt. Das indes ist nur vorstellbar, wenn die Ereignisse rund um die Entstehung des Islam nicht im Gedächtnis der Glaubensgemeinschaft verankert und in Quellen glaubhaft belegt werden, sondern später durch Manipulation und Konstruktion entstanden sind. Diesem Argument folgt auch de Blois. Im Gegensatz zum Neuen Testament handelt es sich beim Koran um eine Schrift mit einem weitestgehend einheitlichen Stil und übereinstimmendem theologischen Inhalt. Trotz zahlreicher Differenzen herrscht unter den verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen und Sekten Einigkeit über den koranischen Kanon. Diese Einigkeit lässt sich bei verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen und Sekten bezüglich der Bibel nicht finden. Die Einheitlichkeit des Koran ist somit für de Blois ein Argument für die mündliche Überlieferung und gegen die revisionistischen Versuche, die als unhistorisch abzutun.[5]

Der Unterschied zwischen den früheren Werken Wansbroughs, Crones und Cooks und denen von Luxenberg und Ohlig besteht meines Erachtens darin, dass den Forschern der Wansbrough-Schule durchaus eine wissenschaftliche Vorgehensweise attestiert werden kann. Ihre Forschung brachte erstmals nichtliterarische und auch außerislamische Quellen in die Frühislamforschung ein.[6] Den Koran als Produkt eines Kommunikationsprozesses zu betrachten, stellt somit auch eine wichtige Neuerung in der Forschung dar.[7] Bei Luxenberg und Ohlig finden sich solch neue Erkenntnisse für die Forschung nicht. Davon abgesehen wirkt es schon befremdlich, dass ein Wissenschaftler unter Pseudonym veröffentlicht. Luxenbergs Erklärung für die Wahl eines Pseudonyms erscheint mir denn auch wenig einleuchtend.

„Wenn ich es nur mit Wissenschaftlern zu tun hätte, hätte ich, außer sich selbst entlarvenden Kritiken, nichts zu befürchten. Aber leider kann ich nicht ausschließen, dass radikale Islamisten meine Interpretation missverstehen und sie als Angriff auf den Koran und den Islam interpretieren. Ich wäre niemals auf die Idee eines Pseudonyms gekommen, wenn nicht jüngste Beispiele mich abgeschreckt hätten, wie Salman Rushdie und andere Beispiele.“[8]

Bei dieser Begründung läge es nahe, dass Luxenbergs Kollege Ohlig ebenfalls ein Pseudonym verwendet. Schließlich geht Ohlig nicht nur von einer Fehllesung des Koran aus, sondern glaubt aufzeigen zu können, dass der Prophet Muḥammad eine reine Erfindung des 8. und 9. Jahrhunderts ist.[9] Was wohl wirklich dazu geeignet wäre, den Zorn nicht nur radikaler Islamisten auf sich zu ziehen. Auf der Basis einer

„wunderliche[n] Mischung aus semitistischem Grundwissen […] verquickt mit weitschweifenden Phantasien“[10]

und der Ansicht, dass es eher hinderlich ist, wenn derjenige, der sich mit dem Koran und seiner Sprache befasst, Kenntnisse der klassisch-arabischen Grammatik besitzt[11], erscheint es mir vermessen, das Arabische als Sprache des Koran abzulehnen und auf eine syro-aramäische Lesart als der Richtigen zu bestehen. Luxenbergs Theorie, dass einzelne Wörter des Korantextes scheinbar nicht in den größeren Zusammenhang passen, weil sie eben arabisch und nicht aramäisch gelesen werden[12], erscheint mir ebenfalls zurechtgelegt. Schließlich haben frühere Untersuchungen ergeben, dass durch die besondere Sprachform des Koran, die Reimprosa, ein Endreim festgelegt ist und es dadurch bei Satzbau und Wortwahl zu Abweichungen von der üblichen Grammatik kommt.[13] Dies ist schließlich bei allen Reimformen in jeder Sprache festzustellen. Ohligs Überzeugung von seiner eigenen Überlegenheit aufgrund seiner Unkenntnis der arabischen Sprache, wirkt auf mich unprofessionell und zurechtgelegt. Als weiteres unprofessionelles Merkmal seiner Arbeit erscheint mir die fehlerhafte Nutzung der Umschrift. Auch wenn er des Arabischen nicht mächtig ist, sollte in wissenschaftlichen Aufsätzen und Werken meines Erachtens nach darauf geachtet werden, arabische Wörter und Namen korrekt wiederzugeben. Schließlich findet sich die Umschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG) sogar in Wikipedia-Artikeln. Für seinen Artikel Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam scheint diese kurze Recherche allerdings zu aufwendig gewesen zu sein. Ohlig verwendet zwar eine Art Umschrift und nicht die eingedeutschten Namensvarianten, doch ist nicht klar, woher er diese Umschrift bezieht. Korrekt ist sie meines Erachtens nach jedenfalls nicht.

Neue Erkenntnisse oder Ansätze für die Forschung in Bezug auf Koran, Koransprache und frühislamische Geschichte mögen in den Werken Wansbroughs und Vertretern seiner Schule zu finden sein. In den Arbeiten Luxenbergs und Ohlig kann ich solche Erkenntnisse und Ansätze nicht erkennen. Meiner Meinung nach ist es Luxenberg und Ohlig gelungen, mit ihren Thesen über Koransprache, Koranentstehung und Muḥammad in die Schlagzeilen auch außerhalb der Wissenschaft zu kommen. Dieser zweifelhafte Erfolg war Lüling, Wansbrough und den anderen Wissenschaftler, auf deren Arbeiten Luxenberg und Ohlig offensichtlich aufbauen, nicht vergönnt.

Ich erachte die Thesen Luxenbergs und Ohligs weder für fundiert noch für seriös. Der katholische Theologe Ohlig stellt das Christentum über den Islam, indem er aus einer eigenständigen Religion eine bloße christliche Sekte macht. Was absurd ist, denn bedenkt man der Tatsache, dass beispielsweise die Darstellungen der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind in frappierender Weise den Statuen der altägyptischen Göttin Isis mit ihrem Sohn Horus ähneln, so kommt doch niemand auf die Idee, das Christentum als altägyptische, heidnische Religion zu bezeichnen. Es ist meiner Ansicht nach schlicht normal, dass Riten, Darstellungen und Traditionen aus dem natürlichen Umfeld in eine entstehende Religion aufgenommen werden. So eben auch angeblich christliche Darstellungen auf islamischen Münzen. Doch drängt sich mir, ähnlich wie Tilman Nagel, der Verdacht auf, dass es Ohlig nicht um die Erforschung der frühislamischen Geschichte, sondern um einen innerkatholischen Konflikt geht. Er lehnt die Trinitätslehre ab und sucht nach Berichten über ein antitrinitarisches Christentum, das seinen Vorstellungen von Jesus als ‚Knecht Gottes‘ und nicht als ‚Sohn Gottes‘ folgt. Weshalb er dafür die islamische Geschichte umkonstruiert, erschließt sich mir nur undeutlich.

Es leuchtet jedoch ein, dass Thesen, in denen die islamische Religion und ihr Prophet als christliche Sekte und historische Lüge und der Koran als komplett fehlinterpretiert dargestellt werden, in Zeiten von 9/11, Islamophobie, Kopftuch-Streit und ständiger Terrorangst den allgemeinen Medien Themen liefern, die für Interesse in der breiten Masse sorgen. Der Reiz von Verschwörungstheorien geht offensichtlich nie verloren.

[1] Siehe unter anderem: Lau, a.a.O.

[2] Neuwirth, 2007a, a.a.O., S. 130f.

[3] Sinai, a.a.O., S. 29f.

[4] Sinai, a.a.O., S. 30.

[5] de Blois, a.a.O., S. 618f.

[6] Sinai, a.a.O., S. 26.

[7] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 93f.

[8] Luxenberg, 2007, a.a.O., S. 34.

[9] Ohlig, 2007c, a.a.O., S. 8.

[10] Nagel, Tilman: Befreit den Propheten aus seiner religiösen Umklammerung! URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/islamwissenschaft-befreit-den-propheten-aus-seiner-religioesen-umklammerung-1464313.html (Stand 15. Juli 2013).

[11] Luxenberg, 2000, a.o.O., S. 118.

[12] Luxenberg, 2000, a.o.O., S.83.

[13] Nagel, 1998, a.a.O., S. 16.

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