afkari افكاري

Ein nicht immer wissenschaftlicher Islamwissenschaftsblog

Schlagwort: Ägypten

Und dann bin ich plötzlich wieder dreizehn

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2001 im Tal der Könige

Vor einigen Wochen bin ich über eine Nachricht gestolpert, die mich durch’s Büro hüpfen und vor Aufregung kaum anständige Sätze formulieren ließ.

Der britische Ägyptologe Nicolas Reeves hat ein bisher unentdecktes Pharaonengrab im Tal der Könige in Ägypten gefunden. Vielleicht.

Definitiv fand er Hinweise darauf, dass sich hinter dem Grab von Tutanchamum ein weiteres Grab befindet. Oder um genauer zu sein: das Grab von Tutanchamun ist gar kein Grab, sondern ursprünglich nur die Vorkammer eines Grabes.  Und wo eine Vorkammer ist, da ist in der Regel auch eine Hinterkammer… oder so. Jedenfalls kommen nach einer Vorkammer in der Regel weitere Räume. Wenn Reeves‘ These stimmt, dann besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich hinter der ursprünglich als Vorkammer gedachten Grabkammer des Tutanchamun ein vollständig erhaltenes Grab befindet. Und dieses Grab könnte einer der schillernsten Persönlichkeiten des Alten Ägyptens gehören: Nofrete.

Nofrete, die Gemahlin jenes Pharaos, der die alte Ordnung in Ägypten abschaffte, die Vielzahl der Götter durch einen einzigen ersetzte, seinen Namen änderte und eine neue Hauptstadt gründete. Echnaton, der als Amenophis IV. den Thron bestieg, verlegte die Hauptstadt seines Reiches von Theben nach Achetaton. Dort widmete er sich seiner neuen Religion, die die Anbetung des Aton in Form der Sonnenscheibe in den Mittelpunkt stellte. Das ging ein paar Jahre mehr oder weniger gut. Zum Ende seiner Regierungszeit hin wurde Ägypten jedoch vermehrt von außen bedroht und die ägyptische Bevölkerung selbst und vor allem die Priester der alten Götter waren mit den Änderungen durch Echnaton wenig einverstanden. Dies hatte sicherlich auch damit zu tun, dass es laut Echnaton nur möglich war über ihn selbst zum Gott zu beten. Wollte man Aton also um etwas bitten, ging das nur über die Anbetung Echnatons. Ein bisschen dehnte sich das auch auf seine Familie, vor allem seine Gemahlin Nofrete und die gemeinsamen Töchter aus.

Jedenfalls, gegen Ende seiner Zeit… alles eher unruhig.

Und das ist auch der Grund, warum ich hüpfe, in die Hände klatsche und wieder Ägyptologin werden möchte. Wie damals. Mit dreizehn.

In Chatnachrichtform hat sich das vor ein paar Wochen dann so angehört:

Das ist so aufregend. Ich fühl mich wieder wie dreizehn und möchte sofort Ägyptologin sein. Da besteht die Chance, ein unversehrtes Grab zu finden und endlich Hinweise darauf, ob tatsächlich Nofrete = Semenchkare ist. Bisher ist man immer davon ausgegangen, dass Semenchkare ein Bruder oder Sohn von Echnaton war und ihm auf dem Thron gefolgt ist. Nofrete ist wenige Jahre vor dem Tod Echnatons „verschwunden“, wurde nicht mehr erwähnt. Zeitgleich ist Semenchkare aufgetaucht. Wenn beide ein und dieselbe Person sind (die Theorie gibt’s seit ein paar Jahren) und das jetzt bewiesen werden kann, dann ist das der absolute Wahnsinn. Auch, weil dann klar ist, dass nicht nur Hatschepsut in der 18. Dynastie und einige ptolemäische Herrscherinnen nach Alexander dem Großen als alleinige Herrscher regiert haben, sondern das da noch eine weitere Pharaonin war. Die auch mit dem vollen Zeremoniel eines Pharaos bestattet wurde. Was bedeutet, dass sie wirklich als Pharaoh angesehen wurde und nicht nur als Große Königliche Gemahlin.

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2001 in Karnak

Ich möchte immer noch hüpfen, ich bin immer noch aufgeregt und werde es in den kommenden Jahren vermutlich immer wieder sein. Denn bis wirklich klar ist, was sich hinter dem Grab von Tutanchamun befindet und falls da etwas ist, das auch wirklich Nofretes Grab ist, werden noch ein paar Jahre vergehen. In denen ich mich immer wieder freuen werde, in die Hände klatsche, meine Familie begeistert mit Textnachrichten und Vorträgen bombadiere und mich wieder wie das Teenagermädchen fühle, das Ägyptolgin werden möchte und noch nicht ahnt, dass aus Ägyptologin ein paar Jahre später Islamwissenschaftlerin wird.

Und wer das ganze etwas nüchterner betrachtet lesen möchte: hier der Artikel.

Salafisten als Reformer – Die Ursprünge der Salafiyya in Ägypten

In der heutigen Zeit ist der Begriff Salafiyya (Salafismus) eng verbunden mit einer islamischen Ideologie, die für eine Rückkehr zur idealisierten muslimischen Gemeinschaft (arab.: umma) der Frühzeit eintritt. Dabei werden westliche Kulturen und Lebensweisen mit Misstrauen oder gar Verachtung betrachtet. Heutige Anhänger der Salafiyya sind einer islamistischen Weltanschauung verbunden. Islamismus ist dabei schnell erklärt (Guido Steinberg und Jan-Peter Hartung jedenfalls können das schnell erklären).

„Islamismus bezeichnet […] dasselbe wie die ebenfalls verbreiteten Begriffe politischer Islam, Fundamentalismus oder – meist im französischen Sprachraum verwandt – Integrismus. Islamisten fordern, das gesamte private und öffentliche Leben müsse durch den Islam bestimmt werden, ja sie behaupten sogar, für jedes in einer Gesellschaft auftretende Problem eine religiös fundierte Lösung bereitstellen zu können. Ihren prägnantesten Ausdruck findet diese Denkweise in ihrer Forderung nach der ‚Einführung der sharīʿa‘, in der sie eine allumfassende Rechts- und Werteordnung sehen, die unmittelbar auf den Texten der Offenbarung (Koran und Sunna) gründet.“[1]

Die Unterscheidung zwischen islamistischen und nichtislamistischen Muslimen liegt dann darin, dass Islamisten ihre Interpretation des Islams als politisches Programm verkünden. Andersdenkende werden in der Auffassung von Islamisten schnell zu Ungläubigen.[2]

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin jedoch handelt es sich bei Anhängern der Bewegung der Salafiyya um Personen, die eine Reform innerhalb der muslimischen Gemeinde herbeiführen wollen. Dabei sollen einerseits das Wissen und Errungenschaften des Westens übernommen werden.[3] Andererseits erachten Reformer wie Muḥammad ʿAbduh (gest. 1905) und Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī (gest. 1897) es als unumgänglich, dass die Muslime zu den Wurzeln ihrer Religion zurückkehren, da die umma nach jahrhundertelangem taqlīd(dt.: Nachahmung, blinde Übernahme, auch von Gewohnheiten, Regeln) in ihrer Entwicklung stagniert.[4] Dadurch gingen der wahre Geist und die wahre Bedeutung von Koran und Sunna sowie die vom Propheten Muḥammad begründeten Traditionen verloren.[5]Reformer wie ʿAbduh und al-Afġānī sahen darin auch einen Grund für die Rückständigkeit der arabischen Welt im Vergleich zu europäischen Mächten, die mehr und mehr nach der Vorherrschaft im Nahen Osten und Nordafrika strebten.[6]

Die Anhänger der Salafiyya beziehen sich auf die ersten drei Generationen der Muslime, beginnend mit den Gefährten des Propheten Muḥammads bis zu Aḥmad b. Ḥanbal (780 – 855), die noch ein reines, unverfälschtes Verständnis ihrer Religion und deren Praktiken und Riten hatten.[7] Diese ersten drei Generationen von Muslimen werden as-salaf aṣ-ṣālih (dt.: die rechtschaffenen Altvorderen) genannt, woraus sich dann der Name der Reformbewegung des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ableitet.[8] Neben ʿAbduh und al-Afġānī gehörte auch Muḥammad Rašīd Riḍā (gest. 1935), der selbsternannte Nachfolger ʿAbduhs, zu denjenigen, die die Salafiyya maßgeblich prägten. Zwar vertraten sie teils unterschiedliche Ansichten und vor allem unter Riḍā wandelten sich die Ambitionen der Salafiyya. Gemeinsam aber war allen drei das Streben nach einer Reform des Islam durch die Modernisierung islamischer Bildung und Erziehung sowie durch die Anpassung des islamischen Rechts an die Moderne. Ähnlich wie in heutiger Zeit Social Media von vielen Bewegungen auf der ganzen Welt genutzt wird, machten sich die damaligen Salafisten um ʿAbduh, al-Afġānī und Riḍā die aufkommenden Printmedien zu Nutze und konnten so ihre Ideen bis nach Indonesien verbreiten. Dabei spielte vor allem die von Riḍā herausgegebene Zeitung al-Manār (dt.: Der Leuchtturm) eine wichtige Rolle.[9] Unter Riḍā wandelte sich die Salafiyya jedoch auch. Während ʿAbduh sich auch für interreligiösen Dialog einsetzte und stetig für Reform und Modernisierung eintrat, ließ Riḍās Interesse daran, der zu Lebzeiten ʿAbduhs über alles, was ersterer tat und dachte, in seiner Zeitung berichtet, nach ʿAbduhs Tod nach.[10] Letztendlich wendet sich Riḍā dem saudischen Königshaus und der Wahhābiyya zu. Die Vertreter dieser Lehre folgen einer strengen sunnitischen Auslegung des Islam, verachten Mystik und Heiligenverehrung, leben streng nach der frühen Sunna und lehnen spätere Interpretationen als ketzerisch ab. Wer ihnen nicht zustimmt und folgt, gilt als Ungläubiger.[11]

Auch nach Riḍās Tod 1935 und bis in die heutige Zeit hinein ist der Einfluss der Salafiyya ʿAbduhs und Riḍās und der Zeitung al-Manār spürbar. Die Zeitung und dadurch auch Riḍā selbst hatten großen Einfluss auf den Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft Ḥasan al-Bannā. Jener Organisation also, die den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Ägyptens stellte und heute der Verfolgung ausgesetzt ist. Ḥasan al-Bannā kam schon als junger Mann in das nahe Umfeld Riḍās und al-Manārs. Die religiösen Aktivitäten und die ideologische Karriere al-Bannās und damit der Muslimbruderschaft haben ihre Wurzeln in Riḍās religiösem Gedankengut.[12]

 

[1] Steinberg, Guido und Jan-Peter Hartung: Islamismus, in: Ende, Werner und Udo Steinbach (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart, München, Verlag C.H. Beck, 5., akt. und erw. Auflage, 2005. S. 681.

[2] Krämer, Gudrun: Politischer Islam – Studienbrief der Fernuniversität/Gesamthochschule in Hagen, Hagen, 1994. S. 44.

[3]Encyclopedia of the Ottoman Empire, Salafiyya, Bruce Masters, New York, Facts on File, 2009. S. 500.

[4]The Oxford Encyclopedia of the Islamic World, Volume 5, Salafīyah, Emad el-Din Shahin, Oxford, Oxford University Press, 2009. S. 30.

[5]Encyclopedia of the Ottoman Empire, a.a.O., S. 500.

[6] Steinberg, a.a.O., S. 681f.

[7]The Oxford Encyclopedia of the Islamic World, a.a.O., S. 29.

[8]The Oxford Encyclopedia of the Islamic World, a.a.O., S. 29.

[9] Krämer, Gudrun: Geschichte des Islam, München, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, 2011. S. 266.

[10]Ryad, Umar: Islamic Reformism and Christianity – A Critical Reading of the Works of Muḥammad Rashīd Riḍā and His Associates (1898 – 1935), Leiden, Boston, Brill, 2009. S. 4-5.

[11] Schölch, Alexander: Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert 1800 – 1914, in: Haarmann, Ulrich (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt, München, Verlag C.H. Beck, 5. Auflage, 2004. S. 375.

[12]Ryad, a.a.O., S. 9

 

AFKARI ist noch da

Es passiert viel. In Syrien gab es die Farce namens Wahl, in Ägypten ist as-Sisi nun Präsident, Erdoǧan versucht Widerstand zu verbieten und wettert gegen Hasnain Kazim und Cem Özdemir und täglich kommen neue Ereignisse hinzu. Ereignisse, zu denen viele Gedanken in meinem Kopf schwirren. Banaler Weise hatte ich schlicht keine Zeit und Muse die Gedanken zu Papier bzw online zu bringen.

Aber, der nächste Beitrag ist in der Mache, behandelt kein tagesaktuelles Thema und erfordert die Reaktivierung meiner Kenntnisse des wissenschaftlichen Arbeitens.

Für tagesaktuelles Kopfgeschwirre… die Twitter-Timeline rechts im Bildschirm zeigt Einblicke in 140 Zeichen.

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