In der heutigen Zeit ist der Begriff Salafiyya (Salafismus) eng verbunden mit einer islamischen Ideologie, die für eine Rückkehr zur idealisierten muslimischen Gemeinschaft (arab.: umma) der Frühzeit eintritt. Dabei werden westliche Kulturen und Lebensweisen mit Misstrauen oder gar Verachtung betrachtet. Heutige Anhänger der Salafiyya sind einer islamistischen Weltanschauung verbunden. Islamismus ist dabei schnell erklärt (Guido Steinberg und Jan-Peter Hartung jedenfalls können das schnell erklären).

„Islamismus bezeichnet […] dasselbe wie die ebenfalls verbreiteten Begriffe politischer Islam, Fundamentalismus oder – meist im französischen Sprachraum verwandt – Integrismus. Islamisten fordern, das gesamte private und öffentliche Leben müsse durch den Islam bestimmt werden, ja sie behaupten sogar, für jedes in einer Gesellschaft auftretende Problem eine religiös fundierte Lösung bereitstellen zu können. Ihren prägnantesten Ausdruck findet diese Denkweise in ihrer Forderung nach der ‚Einführung der sharīʿa‘, in der sie eine allumfassende Rechts- und Werteordnung sehen, die unmittelbar auf den Texten der Offenbarung (Koran und Sunna) gründet.“[1]

Die Unterscheidung zwischen islamistischen und nichtislamistischen Muslimen liegt dann darin, dass Islamisten ihre Interpretation des Islams als politisches Programm verkünden. Andersdenkende werden in der Auffassung von Islamisten schnell zu Ungläubigen.[2]

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin jedoch handelt es sich bei Anhängern der Bewegung der Salafiyya um Personen, die eine Reform innerhalb der muslimischen Gemeinde herbeiführen wollen. Dabei sollen einerseits das Wissen und Errungenschaften des Westens übernommen werden.[3] Andererseits erachten Reformer wie Muḥammad ʿAbduh (gest. 1905) und Ǧamāl ad-Dīn al-Afġānī (gest. 1897) es als unumgänglich, dass die Muslime zu den Wurzeln ihrer Religion zurückkehren, da die umma nach jahrhundertelangem taqlīd(dt.: Nachahmung, blinde Übernahme, auch von Gewohnheiten, Regeln) in ihrer Entwicklung stagniert.[4] Dadurch gingen der wahre Geist und die wahre Bedeutung von Koran und Sunna sowie die vom Propheten Muḥammad begründeten Traditionen verloren.[5]Reformer wie ʿAbduh und al-Afġānī sahen darin auch einen Grund für die Rückständigkeit der arabischen Welt im Vergleich zu europäischen Mächten, die mehr und mehr nach der Vorherrschaft im Nahen Osten und Nordafrika strebten.[6]

Die Anhänger der Salafiyya beziehen sich auf die ersten drei Generationen der Muslime, beginnend mit den Gefährten des Propheten Muḥammads bis zu Aḥmad b. Ḥanbal (780 – 855), die noch ein reines, unverfälschtes Verständnis ihrer Religion und deren Praktiken und Riten hatten.[7] Diese ersten drei Generationen von Muslimen werden as-salaf aṣ-ṣālih (dt.: die rechtschaffenen Altvorderen) genannt, woraus sich dann der Name der Reformbewegung des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ableitet.[8] Neben ʿAbduh und al-Afġānī gehörte auch Muḥammad Rašīd Riḍā (gest. 1935), der selbsternannte Nachfolger ʿAbduhs, zu denjenigen, die die Salafiyya maßgeblich prägten. Zwar vertraten sie teils unterschiedliche Ansichten und vor allem unter Riḍā wandelten sich die Ambitionen der Salafiyya. Gemeinsam aber war allen drei das Streben nach einer Reform des Islam durch die Modernisierung islamischer Bildung und Erziehung sowie durch die Anpassung des islamischen Rechts an die Moderne. Ähnlich wie in heutiger Zeit Social Media von vielen Bewegungen auf der ganzen Welt genutzt wird, machten sich die damaligen Salafisten um ʿAbduh, al-Afġānī und Riḍā die aufkommenden Printmedien zu Nutze und konnten so ihre Ideen bis nach Indonesien verbreiten. Dabei spielte vor allem die von Riḍā herausgegebene Zeitung al-Manār (dt.: Der Leuchtturm) eine wichtige Rolle.[9] Unter Riḍā wandelte sich die Salafiyya jedoch auch. Während ʿAbduh sich auch für interreligiösen Dialog einsetzte und stetig für Reform und Modernisierung eintrat, ließ Riḍās Interesse daran, der zu Lebzeiten ʿAbduhs über alles, was ersterer tat und dachte, in seiner Zeitung berichtet, nach ʿAbduhs Tod nach.[10] Letztendlich wendet sich Riḍā dem saudischen Königshaus und der Wahhābiyya zu. Die Vertreter dieser Lehre folgen einer strengen sunnitischen Auslegung des Islam, verachten Mystik und Heiligenverehrung, leben streng nach der frühen Sunna und lehnen spätere Interpretationen als ketzerisch ab. Wer ihnen nicht zustimmt und folgt, gilt als Ungläubiger.[11]

Auch nach Riḍās Tod 1935 und bis in die heutige Zeit hinein ist der Einfluss der Salafiyya ʿAbduhs und Riḍās und der Zeitung al-Manār spürbar. Die Zeitung und dadurch auch Riḍā selbst hatten großen Einfluss auf den Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft Ḥasan al-Bannā. Jener Organisation also, die den ersten demokratisch gewählten Präsidenten Ägyptens stellte und heute der Verfolgung ausgesetzt ist. Ḥasan al-Bannā kam schon als junger Mann in das nahe Umfeld Riḍās und al-Manārs. Die religiösen Aktivitäten und die ideologische Karriere al-Bannās und damit der Muslimbruderschaft haben ihre Wurzeln in Riḍās religiösem Gedankengut.[12]

 

[1] Steinberg, Guido und Jan-Peter Hartung: Islamismus, in: Ende, Werner und Udo Steinbach (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart, München, Verlag C.H. Beck, 5., akt. und erw. Auflage, 2005. S. 681.

[2] Krämer, Gudrun: Politischer Islam – Studienbrief der Fernuniversität/Gesamthochschule in Hagen, Hagen, 1994. S. 44.

[3]Encyclopedia of the Ottoman Empire, Salafiyya, Bruce Masters, New York, Facts on File, 2009. S. 500.

[4]The Oxford Encyclopedia of the Islamic World, Volume 5, Salafīyah, Emad el-Din Shahin, Oxford, Oxford University Press, 2009. S. 30.

[5]Encyclopedia of the Ottoman Empire, a.a.O., S. 500.

[6] Steinberg, a.a.O., S. 681f.

[7]The Oxford Encyclopedia of the Islamic World, a.a.O., S. 29.

[8]The Oxford Encyclopedia of the Islamic World, a.a.O., S. 29.

[9] Krämer, Gudrun: Geschichte des Islam, München, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, 2011. S. 266.

[10]Ryad, Umar: Islamic Reformism and Christianity – A Critical Reading of the Works of Muḥammad Rashīd Riḍā and His Associates (1898 – 1935), Leiden, Boston, Brill, 2009. S. 4-5.

[11] Schölch, Alexander: Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert 1800 – 1914, in: Haarmann, Ulrich (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt, München, Verlag C.H. Beck, 5. Auflage, 2004. S. 375.

[12]Ryad, a.a.O., S. 9