afkari افكاري

Ein nicht immer wissenschaftlicher Islamwissenschaftsblog

Eine Katastrophe namens Syrien

„Wer einmal von den Wassern Damaskus‘ getrunken hat, der wird wieder kommen.“

Umayyaden-Moschee Damaskus

Blick auf die Umayyaden-Moschee durch die Überreste eines antiken Zeus-Tempels hindurch

Diese Weisheit begegnete mir sowohl vor als auch während meiner Syrienreise im März 2008 häufig.

Um ehrlich zu sein, nach zwei Wochen Damaskus war ich paranoid und wollte nach Hause. Und das Wasser der öffentlichen Brunnen habe ich auch nicht probiert. Vermutlich habe ich aber durch die Eiswürfel im Eistee genug davon zu mir genommen, um die Prophezeiung von der Rückkehr für mich mit einem gewissen Wahrheitsgehalt zu bestücken. Ich möchte wieder nach Damaskus.

Fremde Stadt, fremdes Land, andere Kultur und die erste Real Life-Erfahrung mit Diktatur. Ich bin in Westdeutschland aufgewachsen. Bei der Wiedervereinigung war ich ein kleines Kind. Diktaturen kannte ich nur aus dem Geschichtsbuch. Entsprechend sensibel habe ich auf die örtliche Meldepflicht, als Kellner getarnte Geheimdienstler in Restaurants und Internetzugang über staatliche Server reagiert. Mit meinen süßen 22 Jahren und wenig Auslandserfahrung hat mich das geschafft. Dieses Gefühl, nicht offen sprechen zu können, war allgegenwärtig. Dabei waren meine mitreisenden Kommilitonen und ich weit davon entfernt, politisch brisante Themen wie das „besetzte Palästina“ (Israel) ausführlich zu diskutieren.

Doch allein die Tatsache, dass wir es nicht durften, führte zu wachsendem Unbehagen. In einer engen Gasse zum Suq al-Hamidiyya war eine Blechflagge Israels auf den Boden genagelt. Sie musste zwangsläufig „mit Füßen getreten“ werden.

Das Gefühl der allgegenwärtigen Überwachung hat auch nicht gerade zum Wohlbefinden beigetragen. Das war die eine Seite meiner Reise nach Damaskus.

Eingang zum Suq al-Hamidiyya, dem großen Markt von Damaskus. Von Wasserpfeifen, über Haushaltswaren aller Art ebenso wie Lebensmittel bis hin zu Reizwäscheshops ist hier alles zu haben.

Eingang zum Suq al-Hamidiyya, dem großen Markt von Damaskus. Von Wasserpfeifen, über Haushaltswaren aller Art ebenso wie Lebensmitteln bis hin zu Reizwäsche ist hier alles zu haben

Zur anderen Seite gehörte meine Gastfamilie. Allen voran meine Gastmutter, diese herzensgute Dame, die es nie versäumt hat, mich zum Vier-Uhr-Tee aus meinem Zimmer zu holen und sich mit mir in den Innenhof ihres Hauses in der Damaszener Altstadt zu setzen – und Tee zu trinken.

Innenhof

Innenhof meiner Gastfamilie in Bab Tuma, dem Christenviertel in der Altstadt

Meine Arabischkenntnisse haben ausgereicht für Smalltalk und für die Absprache, wann genügend Wasser in den Leitungen ist, um die Waschmaschine anzuwerfen. Das war nur vormittags der Fall. Seit der Besetzung der Golanhöhen durch Israel ist Wasser in Syrien knapp.

Bab Tuma, das Viertel, in dem ich gewohnt habe, und die gesamte Altstadt gehören ebenfalls zu den schönen, geliebten Erinnerungen. Denkt daran, wie ihr euch als Kind eine Stadt aus 1001 Nacht vorgestellt habt. So ist Damaskus. Enge Gassen und immer wieder geht eine Tür auf und dahinter sind wunderschöne Innenhöfe mit Bäumen und Springbrunnen und Blumenbeeten. Und in den Blumenbeeten Schildkröten. Die bringen nämlich Wohlstand ins Haus.

Gasse in der Altstadt

Gasse in der Altstadt

Restaurant im Innenhof eines typischen Altstadthauses

Restaurant im Innenhof eines typischen Altstadthauses

Gartenschildkröten

Gartenschildkröten

Viele schöne Erinnerungen an Burgruinen, Tempelruinen, Klöster und andere Dinge, die wir in Syrien besichtigt haben, werde ich sicherlich noch in einem mit Fotos gespickten Beitrag teilen. Jedoch sind mir vor allem meine Arabischlehrerin und ihre Familie in Erinnerung geblieben.

Die Tatsache, dass ich mich ab und an regelrecht nach Damaskus sehne und so gerne wieder dorthin reisen möchte, erscheint mir mittlerweile kläglich. Ich war einen Monat dort. Nach zwei Wochen wollte ich nach Hause. Nun haben Millionen Menschen ihr Zuhause verloren. Haben Familienmitglieder verloren. Sind auf der Flucht. Eine ganze Generation von Kindern sitzt in Flüchtlingslagern, ist von Bildung abgeschnitten. Weil es für Bücher keinen Platz auf der Flucht gibt.

Unzählige Kinder haben, was auf den ersten Blick sehr banal wirkt, kein Kuscheltier. Die Organisation Orienthelfer e.V. und ihre Projekte haben mich auf diese traurige Tatsache gebracht. Ein Kind ohne Kuscheltier. Ich möchte weinen bei der Vorstellung und gleichzeitig habe ich das Gefühl, nicht das Recht dazu zu haben. Um so mehr möchte ich auf Orienthelfer e.V. aufmerksam machen. Neben Löschfahrzeugen für Aleppo und Krankenwägen für andere syrische Städte sammelt diese Organisation Kuscheltiere für die Kinder in den Flüchlingslagern im Libanon und unterstützt Autoren, die Bücher für syrische Kinder schreiben.

Diese Projekte werden den Krieg nicht beenden. Aber sie zeugen von Menschlichkeit inmitten dieser Katastrophe namens Syrien.

2 Kommentare

  1. was mich dran erinnert: deine mails, die so gar nicht nach dir klangen. und die silberne zigarettendose, aus der – grosse alchimistenkunst – eine aus kupfer geworden ist.

    • Jule

      23. Mai 2014 at 14:45

      Wobei mir der Händler so vehement beteuert hat, dass sie echt versilbert ist. Naja, immerhin ist sie tatsächlich „Made in Syria“. Nicht wie die erste, die ich gekauft habe. Bei der habe ich dann im Bus den „Made in Germany“-Stempel entdeckt…

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