XI. Neue Ansätze in der Koranforschung: Patricia Crone und Michael Cook – Eine messianische Bewegung in Palästina als Ursprung des Islam

Neben Wansbroughs Quranic Studies erschien ebenfalls im Jahr 1977 der Essay Hagarism – The Making of the Islamic World von Patricia Crone und Michael Cook. Sie verlagern darin den Ursprung des Islam nach Palästina als messianische Bewegung. Der Titel Hagarism rührt dabei von der These, dass Muḥammad der Verkünder einer Lehre war, die sich auf die Abstammung der Araber von Abraham und Hagar beruft. Hagar ist die Dienerin Abrahams, die noch vor seiner Frau Sarah ein Kind von ihm empfängt.[1] Sicherlich beeinflusst durch die Lehrtätigkeit Wansbroughs, der bereits vor der Veröffentlichung seiner beiden richtungsweisenden Monographien Teile seiner Thesen besprach, bemühen sich Crone und Cook um eine Rekonstruktion der frühislamischen Historie. Dabei stützen sie sich ausschließlich auf nicht-islamische Quellen wie die antijüdische Doctrina Iacobi[2], auf die apokalyptische Schrift des Rabbis Simon ben Yoḥayʾ oder auf armenische Chroniken.[3] Im Gegensatz zur These Wansbroughs existiert Muḥammad bei Crone und Cook tatsächlich. Jedoch wirkt Muḥammad bei ihnen nicht als Prophet Gottes und Verkünder des Koran, sondern als messianischer Prediger. Und dies auch nicht auf der Arabischen Halbinsel oder gar in Mekka, sondern in Palästina.[4]

Die Wahl nicht-islamischer Quellen zur Rekonstruktion der islamischen Frühgeschichte begründen Crone und Cook mit der Tatsache, dass die zur Verfügung stehenden islamischen Quellen alle aus einer Zeit nach Muḥammad stammen. Auch für die Existenz des Koran in jeglicher Form, egal ob mündliche Überlieferung oder schriftlich fixierter Kodex, gibt es laut Crone und Cook keine Belege vor dem letzten Jahrzehnt des 7. Jahrhunderts. Die islamische Tradition, die die Frühgeschichte des Islam und die Offenbarungen überliefert, stammt schließlich erst aus dem 8. Jahrhundert. Auf dieser Grundlage beruhen die Zweifel Crones und Cooks an der Historizität der islamischen Tradition.[5] Sie folgern:

„while there are no cogent internal grounds for rejecting it, there are equally no cogent external grounds for accepting it.”[6]

Die beiden Forscher halten es zwar nicht für verwerflich, die islamische Überlieferung als historischen Fakt zu betrachten, doch gleichzeitig erachten sie es als mindestens genauso sinnvoll, die Überlieferung als Texte ohne festgelegten historischen Inhalt zu betrachten. Die enthaltenen Berichte über religiöse Ereignisse im 7. Jahrhundert müssen unter diesem Gesichtspunkt als nicht-historisch betrachtet werden. Sie können lediglich genutzt werden, um etwas über religiöse Ideen und Vorstellungen des 8. Jahrhunderts zu erfahren. Diese beiden Herangehensweisen an die islamische Tradition sind jedoch unvereinbar. Um diese Unvereinbarkeit zu umgehen, muss laut Crone und Cook der Weg über nicht-islamische Quellen genommen werden und mit dieser die Forschung zur Frühgeschichte des Islam und der Entstehung des Koran ganz neu begonnen werden.[7]

Die Doctrina Iacobi, die zu diesem Zweck von Crone und Cook als Quelle genutzt wird, gibt einen Diskurs unter Juden in Karthago im Jahr 634 wieder. Verfasst wurde die Doctrina aber aller Wahrscheinlichkeit nach einige Jahre später in Palästina. An einer Stelle des Diskurses kommt die Sprache auf aktuelle Ereignisse in Palästina. Aus dem Schreiben eines Abrahams, ein palästinensischer Jude, erfahren die Gesprächsteilnehmer in der Doctrina von einem angeblichen Propheten aus den Reihen der Sarazenen/Araber, die sich auf einem Eroberungsfeldzug befinden. Dieser Prophet verkündet die Ankunft des Gesalbten. Nachdem er davon hört, macht sich jener berichtende Abraham auf, um herauszufinden, was es mit diesem Propheten und seinen Verkündigungen auf sich hat. Zu diesem Zweck fragt er einen alten, gelehrten Mann, der die Schriften kennt, nach seiner Meinung zum Propheten. Der alte Mann weist daraufhin, dass es sich um einen Betrüger handeln muss, da kein Prophet mit Schwert und Krieg zu den Menschen kommt. Auch andere Zeitgenossen berichten Abraham von dem möglichen Propheten als Kriegstreiber, der jedoch gleichzeitig behauptet, er allein sei im Besitz der Schlüssel zum Paradies.[8] Aus dieser Anekdote ziehen Crone und Cook folgende Schlüsse:

  1. Die Schlüssel zum Paradies sind in einer byzantinischen Eidformel zur Abschwörung des Islam zu finden. Darin wird erwähnt, dass in geheimen Glaubenslehren der Araber dem Propheten der Besitz jener Schlüssel zugesprochen wird. In der Doctrina Iacobi sind also vorislamische Glaubenslehren zu finden.[9]
  2. In der Doctrina lebt jener Prophet noch, als die Araber sich zur Mitte des 7. Jahrhunderts hin über die Grenzen der Arabischen Halbinsel ausbreiten und ihre Eroberungsfeldzüge beginnen.[10] Den islamischen Quellen zufolge stirbt der Prophet Muḥammad jedoch im Jahr 632.[11] Die Eroberungen dagegen beginnen erst unter dem zweiten Kalifen ʿUmar.[12] Doch finden sich auch bei Traditionen der Nestorianer und Samaritaner Hinweise auf einen lebenden Propheten zur Zeit der arabischen Eroberungen. Die islamische Tradition ist also anzuzweifeln.[13]
  3. Der Prophet verkündet die Ankunft eines Messias. Dies ist laut der Doctrina die Kernaussage jenes arabischen Propheten. Die Doctrina stellt somit das früheste Zeugnis außerhalb der islamischen Tradition dar und zeigt auf, dass es sich bei der neuen Religion um eine messianische Bewegung handelt.[14]

Auch aus der Apokalypse des Simon ben Yoḥayʾ ziehen Crone und Cook die Schlussfolgerung, dass den arabischen Eroberungen eine messianische Bewegung zugrunde liegt. Die Abhandlung des Simon ben Yohayʾ stammt aus der Mitte des achten Jahrhunderts und beruht nach Crone und Cook auf einer anderen Apokalypse, die bald nach den arabischen Eroberungen in Palästina niedergeschrieben wurde. In der Apokalypse des ben Yoḥayʾ wird die Ankunft eines Propheten vorhergesagt. Dieser wird Palästina von der Herrschaft des Byzantinischen Reiches befreien. Abgesehen davon, dass es nicht verwunderlich ist, eine jüdische Apokalypse mit dem Thema der Befreiung von der Fremdherrschafft zu finden, stammt der vorausgesagte Prophet von Ismāʾīl[15] ab. Dass die jüdische Bevölkerung Palästinas einen arabischen Verkünder der Ankunft des Messias akzeptiert, macht nach Crone und Cook trotz allem Sinn und soll auch in früherer Zeit schon vorgekommen sein.[16] Genau belegen sie diese Betrachtung allerdings nicht.

Muḥammad ist bei Crone und Cook also der Anführer der arabischen Eroberungen und ein

„die bevorstehende Ankunft des Messias [verkündender] Prediger mit substantieller jüdischer Anhängerschaft […].“[17]

Die antijüdische Doctrina Iacobi gibt den als Erzfeinde des Christentums geltenden Juden somit eine zentrale Rolle im unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des Byzantinischen Reiches. Dieser Zusammenbruch wird als ein Vorzeichen der Apokalypse gedeutet. Die Juden spielen dabei eine wesentliche Rolle.[18] Die in der Doctrina und auch der Apokalypse des ben Yoḥayʾ wiedergegebenen, wohlgemeinten Reaktionen der Juden auf die arabischen Eroberungen verschwinden jedoch mit der Zeit aus den jüdischen Positionen. Die Christen hegen anfänglich keinerlei Sympathien für die arabischen Eroberer. Die jüdische Bevölkerung nutzt ihre guten Beziehungen zu den Arabern, um den eigenen politischen Einfluss zu stärken. Die Doctrina berichtet von Verbindungen zwischen Juden und Sarazenen. In einer frühen armenischen Quelle finden sich Hinweise auf einen jüdischen Statthalter von Jerusalem in der Zeit nach der Eroberung Palästinas durch die Araber. Die anfängliche enge Bindung von Juden und Arabern wird laut Crone und Cook noch unterstützt von Berichten über antichristliche Taten der Araber. So sollen sie Kirchen niedergebrannt, Klöster zerstört und das Kreuz entweiht haben. Von der islamischen Tradition und ihren Berichten über eine religiöse Bewegung, die sich bereits vor der arabischen Expansion von jüdischen Lehren und den Juden allgemein losgesagt hat und eine Religion der Toleranz sowohl dem Judentum als auch dem Christentum gegenüber predigt, finden sich nach Crone und Cook in außerislamischen Quellen keinerlei Berichte. Wie diese jüdisch-arabische Verbindung entstanden ist, erklären Crone und Cook mit einer weiteren, dem Bischof Sebeos zugeschriebenen, armenischen Quelle. Dieser zwischen 660 und 670 verfassten Chronik zufolge beginnt alles mit dem Exodus jüdischer Flüchtlinge aus Edessa im Jahr 228. Sie versuchen sich vor den Persern in Sicherheit zu bringen und gelangen so auf die Arabische Halbinsel. Dort stellen sich die Juden unter den Schutz der Araber, die sie als nahe Verwandte im Glauben betrachten. Unter den Arabern befindet sich, der armenischen Chronik folgend, ein Mann namens Mahmēt. Dieser behauptet von sich, die Befehle Gottes auszuführen. Dieser Gott, so lässt er die jüdischen Flüchtlinge wissen, ist der Gott Abrahams. Die Juden erkennen sein großes Wissen über ihren Gott, über Abraham und auch Moses. Jener Mahmēt vereint Juden und Araber und erlässt neue Gesetze wie das Verbot Wein zu trinken, zu huren und zu lügen. Außerdem verbietet er alte heidnische Kulte. Schließlich teilt jener Mahmēt die jüdischen Flüchtlinge auf die zwölf arabischen Stämme auf. Alle gemeinsam sollen zurück nach Palästina ziehen, um sich das von Gott Abraham und seinen Nachfahren versprochene Land von den byzantinischen Besatzern zurückzuholen. Vorneweg werden Boten zu den Besatzern geschickt, mit der Aufforderung, das Erbe Abrahams friedlich an seine Erben zu übergeben. Die Botschaft enthält aber auch die Drohung einer gewaltsamen Eroberung des verheißenen Landes, sollte die Besatzungsmacht der Aufforderung zur friedlichen Übergabe nicht nachkommen.[19] Zwar erkennen Crone und Cook die geographische Unwahrscheinlichkeit einer Flucht von Edessa bis nach Medina oder Mekka. Auch die chronologische Darstellung des Sebeos erscheint unvorstellbar. Er legt den Beginn des politischen und prophetischen Wirkens Muhammads in das Jahr 628. Doch seit 634 gibt es Belege, dass die arabische Zeitrechnung im Jahr 622 beginnt. Folgt man Sebeos, findet sich jedoch kein Ereignis im Jahr 622, das eine neue Zeitrechnung nötig oder sinnvoll erscheinen lässt. Trotzdem sind die von Sebeos wiedergegebenen Rahmenbedingungen der jüdisch-arabischen Beziehungen für Crone und Cook von großem Interesse und bieten eine plausible Darstellung der Ereignisse.[20] Die bei Sebeos erwähnte Verwandtschaft zwischen Juden und Arabern und die Berufung auf die gemeinsame Abstammung von Abraham bietet Muḥammad und seinen Mitstreitern nach Crone und Cook ein Geburtsrecht auf das Heilige Land, womit sie die Eroberungen rechtfertigen können. Ein anderer Grund für die Berufung auf Abraham mag die Absicherung durch eine monotheistische Genealogie sein.

Hinweise darauf, dass sich Muḥammad und seine Anhänger zu dieser Zeit als Muslime bezeichnen und damit nach ihrem Selbstverständnis bereits eine eigene Religionsgemeinschaft darstellen, finden sich in den Quellen Crones und Cooks nicht. Die früheste Erwähnung des Begriffs Muslim steht in einer Inschrift am Felsendom, die frühestens 691 verfasst wurde. Außerhalb der islamischen Tradition finden sich vor dem 8. Jahrhundert keinerlei Erwähnungen dieses Terminus. Crone und Cook schließen aus ihren Quellen jedoch auf eine andere Bezeichnung der frühen Gemeinde. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 642 findet sich der griechische Begriff Magaritai. Eine syrische Entsprechung stellt bereits seit Beginn der vierziger Jahre des 7. Jahrhunderts das Wort Mahgre oder Mahgraye dar. Der sinngemäße arabische Begriff ist muhāǧirūn[21]. Laut Crone und Cook liegen diesem Begriff, egal in welcher Sprache, zwei Bedeutungen zugrunde. Dabei ist die erste in der islamischen Tradition vollständig verloren gegangen und hat einen genealogischen Bezug. So findet sich in einer syrischen Quelle der Hinweis darauf, dass es sich bei dem Begriff Mahgraye um eine Bezeichnung für die Nachfahren Abrahams und Hagars handelt. Die zweite Bedeutung ist in der islamischen Tradition vollständig erhalten. Muhāǧirūn sind jene, die an einer Hiǧra, also einem Exodus, teilnehmen. Jedoch ist damit nicht die Hiǧra der islamischen Überlieferung gemeint, die 622 von Mekka nach Medina stattgefunden haben soll und die den Beginn der islamischen Zeitrechnung darstellt. In keiner anderen Quelle außer eben der islamischen Tradition finden sich Hinweise auf solch einen Exodus. Die von Crone und Cook verwendeten Quellen stellen für die beiden Wissenschaftlergeben die Ereignisse plausibel dar und zeigen die Möglichkeit einer Hiǧra arabischer Stämme vom Ḥiǧāz nach Palästina, dem Gelobten Land. Der in der islamischen Tradition nur für die Anführer der arabischen Expansion geltende Begriff muhāǧirūn findet in seiner syrischen Entsprechung Mahgraye Anwendung auf die gesamte Gemeinde. Und selbst in der islamischen Tradition findet sich ein Hinweis auf eine zweite Hiǧra nach der ersten und darauf, dass die besten unter den Gläubigen jener Hiǧra des Abraham, also dem Exodus ins Gelobte Land, folgen. So sind die Mahgraye laut Crone und Cook als Nachfahren und Erben Abrahams und Hagars in ihrem Anrecht auf Palästina anzusehen. In dem Wortspiel mit muhāǧirūn und Mahgraye beziehungsweise Mahgre

„lies the earliest identity of faith which was in the fullness of time to become Islam.” [22]

Die in Palästina einziehenden Araber sind also noch keineswegs Muslime, sondern Hagarener. Sie folgen anfänglich einem jüdischen Messianismus.

Die ursprüngliche Lehre des arabischen Predigers, der die Apokalypse nach der Doctrina einläutet und die Erben Abrahams nach Palästina führt, dient also dem Zweck, diese messianische Bewegung zu tragen. Muḥammad gilt noch keineswegs als Prophet und auch den Koran verkündet er nicht. Der Lehre Muḥammads liegt, wie bereits oben erwähnt, die Abstammung der Araber von Abraham und Hagar zugrunde.[23] Doch schon bald nach der Eroberung Palästinas entfernen sich die Hagarener immer mehr vom jüdischen Messianismus. Die Verbindung der jüdischen Vorstellung von der Erlösung der Menschen mit der genealogischen Berufung auf Abraham durch die Araber wird schwächer. Die Hagarener nähern sich an die Christen und Jesus an. Gibt es noch aus dem Jahr 644 Berichte über Gespräche eines christlichen Patriarchen mit einem Emir der Hagarener, in dem der Emir den Status Jesu als Erlöser weder zurückweist noch bejaht, erzählt in den achtziger Jahren des 7. Jahrhunderts der koptische Patriarch Issak von Rakoti von der hervorragenden Beziehung zwischen ihm selbst und dem Statthalter ʿAbd al-ʿAzīz b. Marwān, dessen Hingabe an die Christen der Patriarch rühmt. In einer maronitischen[24] Quelle entdecken Crone und Cook schließlich Hinweise auf Muʿāwiya[25] und dessen Verehrung Jesu. Als Muʿāwiya im Jahr 659 in Jerusalem König, nicht Kalif, wird, fährt er damit fort, in Golgotha, Gethsemane und am Grab der Heiligen Jungfrau zu beten. Damit erkennt er Jesus als Erlöser an. Ein Verhalten, das die islamische Tradition natürlich nicht eingestehen kann und deshalb laut Crone und Cook so nicht wiedergibt.[26] Hierbei stellt sich folgerichtig die Frage, ob nicht eher den islamischen Quellen zu glauben ist, die einstimmig über Muʿāwiya als Statthalter von Damaskus und schließlich fünften Kalifen berichten. Muʿāwiyas Wirken wird in der islamischen Überlieferung eher mit Damaskus in Verbindung gebracht. Schließlich bestimmt er die syrische Stadt zur Hauptstadt des arabischen Reiches. Wie die maronitische Quelle darauf kommt, ihn als König von Jerusalem zu bezeichnen, erschließt sich in Hagarism nicht.

Aus der immer weiter fortschreitenden Annäherung der Hagarener an das Christentum und an Jesus als Erlöser folgern Crone und Cook jedoch einen Nachteil für die religiöse Identität der Araber. Durch die bewusste Abgrenzung von den Juden durch die Hinwendung zu den Christen laufen sie Gefahr, lediglich Christen, wie ihre Untertanen, zu werden und nicht die Begründer einer neuen Religion. Als Ausweg aus diesem Dilemma berufen sich die Hagarener wieder auf ihre Genealogie zu Abraham und ihrer Verehrung dessen Gottes. Damit hatten sie sich bereits einmal den Juden angenähert. Den Arabern wird ein unabhängiger Monotheismus als eigener, angestammter Glaube präsentiert. Eine abrahamsche Religion wird ausgearbeitet. Dies schlägt sich schließlich im Koran nieder. Dem Propheten der neuen Religion wird schließlich eine Heilige Schrift an die Hand gegeben.[27] Die stellt ebenfalls eine Verbindung zu Abraham und auch Moses dar.

Sure 53, 36 – 37[28]: 36 Oder hat er keine Kunde bekommen vom Inhalt der (Offenbarungs)texte (w. Blätter) Moses 37 und Abrahams, (jenes Gottesmannes) der (die ihm auferlegte Verpflichtung) erfüllte?

Auch Bezüge zu religiösen Praktiken Abrahams werden laut Crone und Cook schließlich zum Zweck der Individualisierung und Unabhängigkeit der neuen Religion in den Koran mit aufgenommen.[29]

Sure 2, 125[30]: Und (damals) als wir das Haus (der Kaʿba) zu einer Stätte der Einkehr für die Menschen und zu einem Ort der Sicherheit machten! Und (wir sagten): ‚Macht euch aus dem (heiligen) Platz Abrahams eine Gebetsstätte!‘ Und wir verpflichteten Abraham und Ismael (mit den Worten): ‚Reinigt mein Haus für diejenigen, die die Umgangsprozession machen und sich dem Kult hingeben, und die sich verneigen und niederwerfen!‘

So wird die Pilgerfahrt nach Mekka, arabisch ḥaǧǧ, mit ihrem wichtigen Bestandteil der siebenmaligen Umrundung der Kaʿba, arabisch tawāf, aus dem vorislamischen heidnischen Kontext gelöst und auf Abraham zurückgeführt.

Abraham selbst verkündet in Sure 2, 129 die Ankunft eines Propheten Gottes aus den Reihen seiner und Ismāʾīls Nachkommen.

Sure 2, 129:[31] Und lass Herr, unter ihnen (d.h. unseren Nachkommen) einen Gesandten aus ihren eigenen Reihen auftreten, der ihnen deine Verse (w. Zeichen) verliest, sie die Schrift und die Weisheit lehrt und sie (von der Unreinheit des Heidentums) läutert! Du bist der Mächtige und Weise.

So passten sich die Hagarener laut Crone und Cook an die gegebenen örtlichen und kulturellen Bedingungen an:

„Their religion of Abraham established who they were, their Christian messianism helped to emphasise who they were not, and their scriptural position, in addition to helping out with messianism, endowed them with a sort of elementary doctrinal literacy, a line to shoot.”[32]

Der Koran selbst als Heilige Schrift der neuen Religion entsteht aus der Notwendigkeit, Muḥammad als Propheten nach dem Vorbild Mose darzustellen. Die Verbindung einer abrahamschen Religion mit dem zur Anerkennung dienlichen christlichen Messianismus ist für die Menschen verwirrend. Die Vereinigung dieser beiden Elemente mit biblischen Positionen führte zu keiner Entwirrung. Der einzige Weg der Hagarener aus diesem Dilemma ist es deshalb, den Status des Predigers Muḥammad präziser darzustellen und ihn zum Propheten zu stilisieren. Dieser Prophet bekommt dann im Nachhinein die Rolle eines revivalistischen Verkünders zugesprochen, dem die Aufgabe zukommt, die Religion Abrahams wiederherzustellen. Auf die Frage, wie und wann der Koran schließlich vollendet wurde, finden Crone und Cook in ihren Quellen keine Antwort. Sie meinen jedoch, in der Art der Zusammenstellung und Zusammensetzung des Koran einen Indikator dafür zu besitzen, nachdem der koranische textus receptus eine Kompilation früher religiöser Werke der Hagarener darstellt. Die islamische Tradition hinsichtlich der Redaktion des Koran unter ʿUṯmān deuten Crone und Cook diesbezüglich ebenfalls in ihrem Sinn. Im Koran selbst finden sich Andeutungen, dass die Integrität der Heiligen Schrift Schwierigkeiten bereitete und ʿUṯmān deshalb aus mehreren Büchern ein einziges machte. Außer diesem Buch ließ er keine anderen mehr zu. Auch in christlichen Quellen entdecken Crone und Cook Hinweise auf vernichtete ältere hagarenische Schriften.[33] Einen weiteren Beweis für die Zusammenstellung des Koran aus frühen hagarenischen Werken liefert nach Crone und Cook der literarische Charakter des Koran. Ein einheitlicher Aufbau und eine einheitliche Struktur sind nicht vorhanden. Sprache und Inhalt sind nicht klar zu erkennen und zu verstehen und alles in allem undeutlich. Die von ihnen attestierte Oberflächlichkeit mit der verschiedene Texte und Textteile im Koran miteinander verbunden sind sowie die Wiederholung ganzer Abschnitte in verschiedenen Versionen sind für Crone und Cook ein plausibles Argument dafür, dass

„the book is the product of the belated and imperfect editing of materials from a plurality of traditions.”[34]

Auch sehen Crone und Cook in der Mangelhaftigkeit der Redaktion des Koran einen Hinweis auf die Eile, in der Kodex zusammengestellt wurde.[35] Von einer genauen Datierung dieser Ereignisse distanzieren sich Crone und Cook. Doch gehen sie davon aus, dass unter dem umayyadischen Statthalter im Irak, al-Ḥaǧǧāǧ, um das Jahr 705 erste Schritte zu einer Zusammenstellung des späteren Kodex unternommen wurden.[36]

Nach der Etablierung eines Propheten und einer Heiligen Schrift wandelt sich schließlich auch die Bezeichnung für die neue Religion und ihrer Anhänger. Das Wort islām wird aus seinem nach Crone und Cook samaritanischen Kontext gelöst und von den Hagarenern übernommen. Bei den Samaritanern wurde das Wort mit der Unterwerfung zu Gott assoziiert. Für das entsprechende Verb aslama finden sich Wörter gleicher Abstammung im Hebräischen, Aramäischen und Syrischen. Crone und Cook gehen von ‚Frieden‘ als der ursprünglichen Grundbedeutung des Wortes islām aus. ‚Frieden schaffen‘ als Bedeutung für die aramäische Version des Verbes aslama ist belegt und daraus schließen sie, dass islām in Bezug auf die Hagarener den Eintritt in einen Friedensbund bezeichnet. So dominiert islām schließlich über die frühere Hauptpflicht und –aufgabe des Hagarismus. Der Exodus rückt in den Hintergrund, die Hiǧra als fundamentaler religiöser Dienst wird ersetzt durch islām und aus mahgraye als Bezeichnung für die Hagarener wird die Bezeichnung muslimūn, Muslime.[37]

Nach der Veröffentlichung von Hagarism sehen sich Crone und Cook der Kritik sowohl muslimischer als auch nicht-muslimischer Wissenschaftler ausgesetzt. Die kritisieren die Fixierung Crones und Cooks auf ausschließlich außerislamische Quellen, die Großteils von den Arabern feindlich gesinnten Autoren stammen.[38] Angelika Neuwirth bezeichnet den Essay Hagarism als „rigorosen Dekonstruktionsversuch“.[39]

„Diese Werke [Quranic Studies und Hagarism] haben mit ihrer Einordnung des Koran als einer später aus politischen Rücksichten erfolgten Kompilation eine Wende, vor allem in der angelsächsischen Frühislamforschung […], eingeleitet. Nur wenige Forscher wie Neal Robinson [mit dem Werk Discovering the Qurʾan] und David Marshall [mit God, Muhammd and the Unbelievers] konnten sich dieser Orientierungsänderung entziehen und ihre Problematik, die totale Ausblendung der Gemeindeerinnerung, durchschauen.“[40]

Selbst John Wansbrough, dessen Lehrtätigkeit Crone und Cook geprägt hatte, bemängelt die methodischen Annahmen in Hagarism. Seiner Kritik folgt Stephen Humphreys, der Crone und Cooks Arbeit mit außerislamischen Quellen als Missbrauch dieser Quellen bezeichnet. Oft wird Crone und Cook ein antiislamischer und generell antiarabischer Ton vorgeworfen.[41]

Nicolai Sinai stellt in Hagarism einen Mangel an aussagekräftigen Quellen fest. Nur drei Quellen (Doctrina Iacobi, eine Apokalypse und eine armenische Chronik) werden herangezogen.

„Dieses recht spärliche Textmaterial kompensieren Crone und Cook durch weitreichende Mutmaßungen, die durchgängig im Tonfall erwiesener Tatsachen dargeboten werden.“[42]

Auch kritisiert Sinai die fehlende Hinterfragung der Quellengrundlage.[43]

In späteren Arbeiten distanzieren sich Crone und Cook schließlich von vielen ihrer kontroversen Behauptungen. Doch stellen sie weiterhin sowohl die muslimische als auch die westliche Herangehensweise an die islamische Tradition und Geschichte in Frage.[44]

 

[1] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 91f.

[2] Griechische antijüdische Abhandlung aus der Mitte des 7. Jahrhundert. (Crone, Patricia und Michael Cook: Hagarism – The Making of the Islamic World, Cambridge, Cambridge University Press, 1977. S. 3.)

[3] Sinai, a.a.O., S. 26.

[4] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 92.

[5] Crone/Cook, a.a.O., S. 3.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Crone/Cook, a.a.O., S. 3f.

[9] Crone/Cook, a.a.O., S. 4.

[10] Crone/Cook, a.a.O., S. 4.

[11] Bobzin, a.a.O., S. 21.

[12] Bobzin, a.a.O., S. 24.

[13] Crone/Cook, a.a.O., S. 4.

[14] Ebd.

[15] Erstgeborener Sohn Abrahams mit der Dienerin Hagar.

[16] Crone/Cook, a.a.O., S. 4f.

[17] Sinai, a.a.O., S. 27.

[18] Ebd.

[19] Crone/Cook, a.a.O., S. 6f.

[20] Crone/Cook, a.a.O., S. 7.

[21] In der islamischen Tradition bezeichnet muhāǧirūn jene Muslime, die mit Muḥammad die Hiǧra von Mekka nach Medina vollzogen und in Medina schließlich mit den dortigen Helfern, arabisch ansār, den Kern der umma bilden. (Halm, a.a.O., S. 20.)

[22] Crone/Cook, a.a.O., S. 8f.

[23] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 92.

[24] Maroniten sind Angehörige einer syrisch-christlichen Kirche.

[25] Nach der islamischen Tradition ist Muʿāwiya der fünfte Kalif (reg. 661 – 680). Er entstammt den Banū Umayya. Dieser mekkanische Stamm war Muḥammad lange Zeit feindlich gesinnt und nimmt erst nach der Eroberung Mekkas durch Muḥammad und die Muslime den Islam an. Die von Muʿāwiya begründete Dynastie der Umayyaden macht das Kalifat erblich. Die Stadt Damaskus, in der Muʿāwiya zunächst Statthalter war, wird zur Hauptstadt des arabischen Reiches. (Halm, a.a.O., S. 23f.)

[26] Crone/Cook, a.a.O., S. 10f.

[27] Crone/Cook, a.a.O., S. 12.

[28] Paret, a.a.O.

[29] Crone/Cook, a.a.O., S. 12.

[30] Paret, a.a.O.

[31] Ebd.

[32] Crone/Cook, a.a.O., S. 15.

[33] Crone/Cook, a.a.O., S. 16ff.

[34] Crone/Cook, a.a.O., S. 18.

[35] Ebd.

[36] Saeed, a.a.O., S. 108.

[37] Crone/Cook, a.a.O., S. 19f.

[38] Saeed, a.a.O., S. 108f.

[39] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 91.

[40] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 92.

[41] Saeed, a.a.O., S. 109.

[42] Sinai, a.a.O., S. 26.

[43] Ebd.

[44] Saeed, a.a.O., S. 109.