VI. Frühe Beschäftigung mit dem Koran im Westen – Vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert

Die Beschäftigung christlicher Geistlicher mit dem Islam und seinem heiligen Buch ist schon im 8. Jahrhundert belegt.[1] Das im Jahr 830 geschriebene Werk The apology of al-Kindī stellt eine Verteidigung des Christentums gegen den Islam dar.[2] Dieser Tradition folgt lange Zeit auch die westliche Beschäftigung mit dem Koran. Westliche Gelehrte und ihre Arbeiten über Islam und Koran sind geprägt von negativen Empfindungen gegenüber dieser als Konkurrenz zum Christentum empfundenen Religion.[3] Im 16. Jahrhundert befasst sich der christliche Reformator Martin Luther ebenfalls mit dem Koran. Er vertritt die Ansicht, dass Kenntnisse über den Koran unerlässlich sind. Nicht so sehr, um Muslime bekehren zu können, viel mehr, um Christen vor Apostasie zu bewahren.[4] In seinen 1529/30 verfassten Türckenschriften greift Luther den Islam, der bei ihm die ‚türkische Religion‘ heißt, und den Koran ganz offen an. Außer der fehlenden Trinitätslehre sowie der fehlenden Menschwerdung Gottes sieht Luther im Koran kein angemessenes Beglaubigungswunder für das Prophetentum Muḥammads. Dem im Koran beschriebenen Paradies bescheinigt er einen rein sexuellen Charakter:

„Wie ist der Mahmet in der Frawen fleischer ersoffen, in allen seinen gedancken, worten, wercken, kann fur solcher brunst nichts reden noch thun, es muss alles fleisch, fleisch, fleisch sein.“[5]

Die Anwesenheit von Paradiesjungfrauen, arabisch ḥūrīya Pl. ḥūrīyāt oder ḥu̱r, im himmlischen Paradies und die Tatsache, dass männlichen Muslimen erlaubt ist, bis zu vier Frauen zu heiraten und Muḥammad selbst weit mehr als diese vier erlaubten Ehen geschlossen hatte, sind für Luther der Beweis für die Lüsternheit und Verkommenheit dieser Religion.[6]

Generell wird der Koran selbst im Abendland lange Zeit als die schlechtere Bibel oder die ‚türkische Bibel‘[7] dargestellt.[8]

Vom 18. Jahrhundert an, als die europäischen Staaten mit der Kolonisierung der arabischen Welt beginnen und während sich in Europa selbst die Gedanken der Aufklärung verbreiten, entsteht der sogenannte Orientalismus. Der Koran wird in immer mehr Sprachen übersetzt und somit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.[9] Dies bedeutet jedoch noch keinesfalls die Akzeptanz des Islam durch westliche Gelehrte. So liest Voltaire[10] die französische Übersetzung des Koran von André du Ryer[11] und äußert sich daraufhin 1740 in einem Brief an den preußischen König Friedrich II. über den Koran als

„ein unverständliches Buch, das auf jeder Seite den gesunden Menschenverstand erschauern lässt.“[12]

1741 veröffentlicht Voltaire seine Meinung zum Koran. Er schreibt das Stück Mahomet: tragédie. Auch darin betont er den seiner Meinung nach unlogischen Aufbau und die Unmöglichkeit, etwas davon zu verstehen, was im Koran geschrieben steht.[13] Und immer steht der Vergleich zur Bibel im Vordergrund.[14]

Es gibt aber auch eine Entwicklung zum Versuch, die arabische Kultur besser kennenzulernen und zu verstehen. So entstehen im 18. Jahrhundert in Paris und Wien neue Lehrstühle sowohl für die arabische Sprache als auch für die islamische Kultur.[15] George Sale[16] veröffentlicht in England die erste direkt aus dem Arabischen übersetzte englische Version des Koran. Der Übersetzung Sales geht eine 200-seitige Einleitung voraus, die sich nicht nur mit dem Leben des Propheten, sondern auch mit islamischer Geschichte, Theologie und Recht befasst. Das Werk Sales behält seinen Einfluss bis ins 20. Jahrhundert hinein.[17]

[1] Rippin, a.a.O., S. 237.

[2] Rippin, a.a.O., S. 237f.

[3] Bobzin, a.a.O., S. 15.

[4] Rippin, a.a.O., S. 239.

[5] Wild, Stefan: Lost in Philology? The Virgins of Paradise and the Luxenber Hypothesis, in: Neuwirth, Angelika, Nicolai Sinai und Michael Marx (Hrsg.): The Qurʾān in Context – Historical and Literary Investigations into the Qurʾānic Milieu, Leiden, Boston, Brill, 2010. S. 631.

[6] Ebd.

[7] David Friedrich Megerlin (1699 – 1778) übersetzt erstmals den Koran direkt aus dem Arabischen ins Deutsche und veröffentlicht diese Übersetzung 1772 mit dem Titel Die türkische Bibel, oder des Korans allererste teutsche Uebersetzung ( Bobzin, a.a.O., S. 15f.).

[8] Bobzin, a.a.O., S. 15.

[9] Saeed, Abdullah: The Qurʾan – An Introduction, London and New York, Routledge, 2008. S. 104.

[10] Gest. 1778

[11] Gest. 1672

[12] Bobzin, a.a.O., S. 15.

[13] Saeed, a.a.O., S. 105.

[14] Bobzin, a.a.O., S. 15.

[15] Saeed, a.a.O., S. 105.

[16] Gest. 1736

[17] Saeed, a.a.O., S. 105.