V. Mekkanische und medinensische Suren

Die Suren werden in mekkanischen und medinensischen unterschieden. Auch ist der Koran nicht in einem Stück offenbart geworden, sondern in einzelnen Versen oder auch ganzen Suren, die sich auf bestimmte Ereignisse und Anlässe beziehen.[1] Diese Gründe für die Offenbarung einer Sure oder eines Verses, Gottes Offenbarung von Koranteilen an Muḥammad, werden arabisch asbāb an-nuzūl, ‚Anlässe der Herabsteigung‘ genannt.[2] Die mekkanischen Suren wurden demnach in der Zeit zwischen Muḥammads Berufung zum Propheten um 610 bis zur Hiǧra im Jahr 622 herabgesandt, die medinensischen nach der Hiǧra bis zum Tod Muḥammads 632. Dabei bezieht sich die Bezeichnung mekkanisch beziehungsweise medinensisch indes nicht unbedingt auf den Ort, an dem die Offenbarung stattgefunden hat. Mekkanisch und medinensisch bezieht sich vielmehr auf den Hauptwirkungsort des Propheten. Vor 622 handelt es sich dabei um Mekka und nach 622 um Medina.[3] Es ist durchaus denkbar, dass einzelne Verse einer mekkanischen Sure in Medina offenbart wurden und umgekehrt Verse medinensischer Suren bereits in Mekka.[4] Thematisch behandeln die mekkanischen Suren hauptsächlich Geschichten und Ereignisse aus der Vergangenheit und bekräftigen das Prophetentum Muḥammads.[5] Daneben haben die mekkanischen Suren den Zweck, die Menschen zu bekehren

„zum einen, wahren Gotte und, was ihm davon untrennbar bleibt, zum Glauben an die Auferstehung der Toten und das Gericht am jüngsten Tage.“[6]

Die medinensischen Suren zeigen hingegen, wie sich Muḥammad nach seiner Emigrierung aus Mekka als Vorsteher einer stetig wachsenden Gemeinschaft widerfindet und ihn dadurch neue Aufgaben erwarten. Vorrangig ist dabei das gute Einvernehmen zwischen den aus Mekka eingewanderten Muslimen und den medinensischen Helfern, arabisch anṣar. Auch der Schutz der Stadt vor möglichen Angriffen der Mekkaner stellt eine große Aufgabe für die umma dar. Muḥammad ist also nicht mehr nur Verkünder einer neuen Religion, sondern eine politische Führungspersönlichkeit.[7] Diese neuen Herausforderungen spiegeln sich denn auch in den medinensischen Suren wider. Sie sind länger und thematisieren Pflichten und Verhaltensregeln, die in einer wachsenden Gemeinschaft nötig sind.[8] So nutzt Muḥammad auch oft die Autorität des Koran, um Regeln und Gesetze aufzustellen und anzuordnen, die mit der Religion an sich nichts zu tun haben. Nöldeke gibt hierbei zu bedenken, dass zur Zeit Muḥammads das Alltagsleben noch sehr viel mehr von Religion durchdrungen und dadurch das tägliche Miteinander auch durch religiöse Gesetze geregelt ist.[9]

Theodor Nöldeke hat sich mit der chronologischen Anordnung der Suren beschäftigt. Die mekkanischen Suren unterteilt er nochmals in drei Perioden, wobei er sich vor allem an sprachlichen und formalen Merkmalen innerhalb der Suren und Verse orientiert und nur vereinzelt auf die historische und exegetische Überlieferung Bezug nimmt.[10] Der ersten Periode der mekkanischen Suren ordnet Nöldeke jene Suren zu, die sich durch große Leidenschaft auszeichnen. Muḥammad versucht, mit diesen Suren als rhetorischem Mittel die Phantasie seine Hörer zu erreichen. So schildert er ausführlich die zu erwartenden Belohnungen für die Frommen ebenso wie die Höllenqualen der Sünder.[11] Eine weitere Periode stellen für Nöldeke die späten mekkanischen Suren dar. Sie ähneln schon mehr den eher nüchternen medinensischen Suren. Zwischen diesen beiden Perioden werden schließlich jene Offenbarungen angesiedelt, die eine Art Überleitung von den frühmekkanischen zu den spätmekkanischen Suren darstellen.[12]

[1] Tworuschka, Monika und Udo: Der Koran und seine umstrittenen Aussagen, Düsseldorf, Patmos Verlag, 2002. S. 26.

[2] Halm, a.a.O., S. 14 – 15.

[3] Nöldeke, a.a.O., S. 65.

[4] Bobzin, a.a.O., S. 30f.

[5] Cook, a.a.O., S. 156.

[6] Nöldeke, a.a.O., S. 71.

[7] Paret, 1980, a.a.O., S. 114f.

[8] Cook, a.a.O., S. 156.

[9] Nöldeke, a.a.O., S. 5.

[10] Bobzin, a.a.O., S. 31.

[11] Nöldeke, a.a.O., S. 71f.

[12] Nöldeke, a.a.O., S. 72.