IX. Neue Ansätze in der Koranforschung: Günther Lüling – Der Koran als urchristlicher Text

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhundert entsteht eine revisionistische Forschungsrichtung innerhalb der Koranforschung. Vertreter dieser Richtung wie Günther Lüling und John Wansbrough und in neuerer Zeit auch Gerd-Rüdiger Puin und Karl-Heinz Ohlig, folgen diesem Ansatz. Dabei werden Ort und Zeit der Entstehung des Islam in eine jüngere Zeit und in nördlichere Gebiete der Arabischen Halbinsel verlegt. So beispielshalber nach Babylonien und Syrien.[1]

1974 erscheint Günther Lülings Studie Über den Ur-Qurʾan – Ansätze zur Rekonstruktion vorislamischer christlicher Strophenlieder im Qurʾan. Seine der Studie zugrundeliegende Theorie macht Lüling bereits 1972 publik. Er sieht im islamischen Koran nichts anderes als eine verfälschte Kopie christlicher Texte.[2] Aus der Untersuchung einzelner Passagen des Koran folgert Lüling, dass dem Koran poetische und in Strophen angeordnete christliche Texte zugrundeliegen. Diese seien dann sprachlich manipuliert worden.[3] Denn die christlichen Hymnen, die Lüling als Ausgangspunkt nimmt, sollen in einem dialektalen Arabisch verfasst und wegen der mehrdeutigen arabischen Schrift fehlgelesen sein.[4] Lüling untersucht einzelne Suren oder Teile von Suren, die in der Regel der frühmekkanischen Periode zuzuordnen sind, auf versteckte christliche Quellen. Bei Textstellen, die nach der traditionellen Lesart unverständlich oder doppeldeutig sind, sucht Lüling alternative Bedeutungen für Wörter oder ganze Verse auch in anderen semitischen Sprachen, da diese das vorislamische Arabisch beeinflusst und geprägt haben könnten. Wenn Lüling dadurch zu keinem Ziel kommt, wendet er sich dem rasm, also dem reinen Konsonantengerüst des Korantextes zu. Diesen untersucht er auf eine Lesemöglichkeit, die eine Zuordnung zu Wörtern oder grammatikalischen Strukturen der von Lüling selbst vorausgesetzten judenchristlichen Hymnen zulässt. Auch eine geringfügige Veränderung des rasm, das Weglassen oder Hinzufügen von Textpassagen, hält Lüling für möglich und erklärt diese mit lexikalischen, grammatikalischen, stilistischen oder religiös-historischen Argumenten.[5]

Eine weitere Grundannahme der Studie Lülings ist die ausgedehnte Verbreitung christlicher beziehungsweise judenchristlicher Ideen in der vorislamischen arabischen Welt. Christliche Gemeinden sollen auf der gesamten Arabischen Halbinsel, arabisch al-Ḥiǧāz, also auch in Mekka, ansässig gewesen sein. Die vorislamische arabische Dichtung ist durchdrungen von christlichen Einflüssen.[6] Der Urkoran entsteht schließlich in einem häretisch-christlichen oder antitrinitarischen Umfeld, denn laut Lüling ist vor allem der Ḥiǧāz ein Rückzugsraum für ein Judenchristentum, das sich nicht den Ergebnissen des Konzils von Nicäa[7] anschließt und die Trinitätslehre ablehnt. Dieses auf dem Ḥiǧāz verbreitete Judenchristentum fühlt sich von der hellenistischen Theologie und deren imperialen Absichten bedroht. Muḥammad, ein Vertreter dieses antitrinitarischen Urchristentums, fühlt sich schließlich dazu berufen, auf diese Bedrohung durch die byzantinische Orthodoxie zu reagieren.[8] Die mekkanischen Feinde Muḥammads sind der Studie Lülings zufolge also keinesfalls, wie in der islamischen Tradition überliefert, arabische Heiden, sondern der hellenistischen Theologie anhängende Christen. Aufgrund der Trinitätslehre verurteilt Muḥammad sie jedoch als Polytheisten. Die Verehrung des Kruzifixes und der Heiligenbilder nimmt er zum Anlass, diese Christen als Götzendiener zu bezeichnen.[9] Um sich der byzantinischen Obrigkeit zu widersetzen, möchte Muḥammad einen heidnischen Fruchtbarkeitskult wiedereinsetzen. Dieser Kult liegt nach Lüling auch dem ursprünglichen, von Jesus etablierten Christentum zugrunde.[10] Erst die Nachfolger Muḥammads lösen sich endgültig vom Christentum und verdammen alle Christen, besonders die hellenistischen, als Ungläubige. Der Islam etabliert sich währenddessen als neue Religion. Die Überlieferungstradition zu Leben und Wirken Muḥammads stellt für Lüling ein nachträgliches Konstrukt dar. Für ihn beginnt die islamische Geschichte erst etwa 170 Jahre nach dem Wirken Muḥammads, der ja schließlich ein christlicher Prophet war. Bis zur Zeit des Abbasidenkalifen Hārūn ar-Rašīds[11] soll sich der Wandel von einer urchristlichen Restauration hin zu einer islamischen Orthodoxie vollzogen haben. So verschleierte

„das durch das islamische, d.h. urchristliche Schwert bezwungene hellenistische Christentum […] den wahren Ursprung des Islam und [gab vor] dieser habe sich aus dem Heidentum entwickelt. Für Mohammeds Nachfolger war der revolutionäre Gedanke eines wiederbelebten und auf Abraham zurückgeführten Urchristentums zu anspruchsvoll und problematisch, und deshalb hätten sie sich willig in die Verdrängung dieser Vorstellungen durch ihre hellenistisch-christlichen Feinde gefügt.“[12]

Kritiker an Lülings These werfen ihm

„neben einer fast konspirativen Zensurtheorie vor allem Zirkelschlüsse“

vor.[13] Angelika Neuwirth befindet darüber hinaus Lülings Forschung als voreingenommen. Nur das Christentum verfügt, folgt man Lüling, über eine unverfälschte religiöse Tradition samt Heiliger Schrift. Muḥammad und die Muslime sind darauf angewiesen, sich christlicher Poesie zu bedienen und diese zu entfremden. Die Fähigkeit zu einer eigenen Entwicklung wird dem Islam, seinem Propheten und den Gläubigen abgesprochen.[14] Auch erkennt Angelika Neuwirth in der Arbeit Lülings eine Fixierung auf hymnische Texte. Andere Textarten werden bei ihm nicht behandelt.[15]

Generell findet die Arbeit Lülings wenig Beachtung in der Forschung. Während in der deutschsprachigen Wissenschaft seinem Werk Über den Ur-Qurʾan vorerst keinerlei Aufmerksamkeit widerfährt und es beinahe totgeschwiegen wird, findet es ein wenig Anklang in Frankreich. Doch im Großen und Ganzen wird Lülings Werk nur dürftig behandelt.[16] Auch für Karl-Heinz Ohlig ist die Arbeit Lülings zu hypothetisch. Doch sieht er sie durch die Arbeit Christoph Luxenbergs bestätigt.[17] Die Aufnahme vorislamischer christlicher Hymnen in die islamische Tradition und in den Koran sieht Ohlig durch die Arbeit Luxenbergs belegt und attestiert Lüling so im Nachhinein wissenschaftlich korrekte Ansätze, die zur Weiterentwicklung der Koranforschung führten.[18] Auf dieser Grundlage verwundert es, dass Günther Lülings Thesen in der Arbeit Luxenbergs keinerlei Erwähnung finden. Betont doch bereits Lüling die Durchdringung des Arabischen zu Zeit Muḥammads mit der aramäischen Sprache und den großen Einfluss des Syrischen.[19]

[1] de Blois, François: Islam in its Arabian Context, in: Neuwirth, Angelika, Nicolai Sinai und Michael Marx (Hrsg.): The Qurʾān in Context – Historical and Literary Investigations into the Qurʾānic Milieu, Leiden, Boston, Brill, 2010. S. 615.

[2] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 96f.

[3] Nagel, 2008, a.a.0., S. 896.

[4] Neuwirth, 2007a, a.a.O., S. 130f.

[5] Motzki, a.a.O., S.66.

[6] Motzki, a.a.O., S. 66.

[7] 325 n.Chr. stattgefundenes Konzil. Neben der Formulierung eines Glaubensbekenntnisses wurde auch die Trinitätslehre bestätigt und in die Glaubensinhalte der Kirche fest aufgenommen. (Ohlig, Karl-Heinz: Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam, in: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, 26 -27, 2007c. S. 5.)

[8] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 97.

[9] Nagel, 2008, a.a.O., S. 897.

[10] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 97.

[11] Reg. 786 – 809

[12] Nagel, 2008, a.a.O., S. 897f.

[13] Neuwirth, 2010, a.a.O., S. 98.

[14] Ebd.

[15] Neuwirth, 2007a, a.a.O., S. 133.

[16] Wild, a.a.O., S. 634.

[17] Ohlig, Karl-Heinz: Weltreligion Islam – Eine Einführung, Mainz, Luzern, Matthias-Grünewald-Verlag/Edition Exodus, 2000. S. 57.

[18] Ohlig, 2000, a.a.O., S. 69.

[19] Nabielek, Rainer: Weintrauben statt Jungfrauen – Eine neue Lesart des Koran und ihr Stellenwert innerhalb der modernen Koranforschung, in: Burgmer, Christoph (Hrsg.): Streit um den Koran – Die Luxenberg-Debatte: Standpunkte und Hintergründe, Berlin, Verlag Hans Schiler, 3., erweiterte Auflage, 2007. S. 57.