IV. Reimprosa und Stilmittel des Koran

Der Koranvers, der im Unterschied zu einem Vers der altarabischen Dichtung āya und nicht bait genannt wird, weist keinerlei metrische Gliederung auf. Dies liegt auch an der völlig variierenden Länge der Koranverse. Ein wichtiges Stilmittel sind dabei Vergleiche und Gleichnisse. Doch das markanteste Merkmal der Sprache des Koran ist der Reim. Aufgrund einer fehlenden metrischen Gliederung wird diese Sprachform von vielen Wissenschaftlern nicht Poesie, sondern Reimprosa, arabisch as-saǧʿ, genannt.[1] So enden mehrere aufeinander folgende Koranverse zwar auf den gleichen Reim, es gibt aber eben keine metrische Strukturierung oder eine festgelegte Silbenzahl.[2] Laut Martin Jagonak gilt der Koran

„nicht zuletzt wegen dieses besonderen Stils […] als vollendetes und unnachahmliches Vorbild arabischer Sprachkunst.“[3]

Die Sprachform der Reimprosa findet sich in allen Suren sowie in allen Teilstücken von Suren.[4] In der altarabischen Dichtung, deren Sprache von vielen Kennern als die gleiche wie die des Koran angesehen wird, findet sich jedoch diese Sprachform nicht.[5] Während die Dichtung eben nach bestimmten metrischen Schemata aufgebaut ist, sucht man diese im Koran vergebens. Tilman Nagel bezeichnet die Reimprosa des Koran als

„eine Art von Dichtung, die in stark rhythmisierter Sprache vorzutragen ist. Die Zahl der Silben eines Verses oder auch die Anzahl der rhythmischen Hervorhebungen ist nicht festgelegt. Dagegen treten Wort- und Satzakzent stark in den Vordergrund. Beim Vortrag der Reimprosa werden manche Wörter oder Silben sehr in die Länge gezogen.“[6]

Die Verpflichtung, jeden Vers mit einem Endreim zu versehen, erklärt auch einige Abweichungen von der Norm in Satzbau und Wortwahl.[7] Generell hat der Endreim die Funktion einer Markierung. Er markiert für den Zuhörer einer Rezitation das Ende eines Verses.[8] Doch ist ein Wandel in den Suren bemerkbar. Während die frühen Teile des Koran, also die frühmekkanischen Suren, durchgehend der Reimprosa mit ihren sehr kurzen, knappgehaltenen und stark rhythmisierten Sätzen folgen, findet sich in späteren Suren eine Art strukturierter Prosa mit einem gelockerten Rahmen. Dabei umfassen die Verse oft mehr als einen Satz. Der Endreim folgt einem einfachen Muster mit -ūn oder –īn. Die Schwierigkeit, solche gezwungenen und dabei sehr unauffälligen Endungen herauszuhören und als Versende zu identifizieren, wird dadurch umgangen, dass in späteren Suren die Markierungsfunktion des Endreims ersetzt wird. Die spätmekkanischen und medinensischen Suren werden durch

„einen vollständigen, syntaktisch stereotypischen, gereimten Satz“[9]

abgeschlossen. Angelika Neuwirth vergleicht diese Strukturierung mit einer Kadenz, dem finalen Teil von gesprochenen Einheiten bei gregorianischen Chorälen. Dabei spielt wiederum der mündliche Vortrag in Bezug auf den Koran eine Rolle. Während diese Sprachform bei einem im Stillen gelesenen Text dazu führt, dass der Text unterbrochen wirkt und den Prozess der Informationswiedergabe verzögert, kann sie beim mündlichen Vortrag zu einem Diskurs auf der Metaebene führen. So wird eine moralische Komponente zum eigentlichen Kontext hinzugefügt. Dadurch ergibt sich neben der Haupterzählung oder -argumentation der Suren eine weitere geistliche Ebene, beispielsweise in Bezug auf göttliche Billigung oder Ablehnung. Auch die Attribute Gottes werden auf diese Art und Weise hervorgehoben und entwickeln sich so zu Parametern für menschliches Handeln.[10] So zum Beispiel in Sure 33.

Sure 33, 27: […] Gott hat die Macht über alles.

In der Poesie ist die besondere Sprachform zwar nicht zu finden, Tilman Nagel geht jedoch davon aus, dass sie auch schon in der vorislamischen Zeit genutzt wird. So gebrauchen Wahrsager diese Art zu sprechen, um ihr Publikum zu fesseln. In den frühen mekkanischen Suren finden sich immer wieder Schwurformeln, die denen der damaligen Wahrsager ähneln.[11]

Sure 91, 1 – 6[12]: 1 Bei der Sonne und ihrem Licht (wenn sie) morgens (aufgeht), 2 beim Mond, wenn er ihr folgt, 3 beim Tag, wenn er sie (in ihrem vollen Glanz) erstrahlen lässt, 4 und bei der Nacht, wenn sie über sie kommt (und ihr Licht in Finsternis verwandelt)! 5 Beim Himmel und (bei) dem, der […] ihn aufgebaut, 6 bei der Erde und (bei) dem, der sie ausgebreitet, […]

Doch nicht nur Wahrsager sollen sich der Reimprosa bedient haben. Auch in Predigten der vor- und frühislamischen Zeit findet sich diese Sprachform. So in den Worten des Dichters und Predigers Quss b. Sāʿida al-Iyādī, die er von seinem Kamel herab auf einem Markt verkündete. Der Prophet Muḥammad soll von der Predigt so beeindruckt gewesen sein, dass er sich die Worte von Mitgliedern der Banū Iyād wiederholen ließ.[13]

Die Muslime selbst sind dagegen gespalten in ihrer Meinung zur Reimform des Koran. Während einige festhalten, dass der Reim im gesamten Koran zu finden ist und gebraucht wird, leugnen andere dies. Sie

„halten solche Ungenauigkeiten, solche Ungleichförmigkeit der Glieder schon des gewöhnlichen Saǧʿ, geschweige denn des göttlichen Buches, für unwürdig.“[14]

Eine dritte Partei versucht, zu einem Mittelpfad zu finden und vertritt die Ansicht, dass sich im Koran, ähnlich wie in der arabischen rhetorischen Prosa, gereimte mit ungereimten Teilen abwechseln.[15]

[1] Bobzin, a.a.O., S. 89.

[2] Jagonak, Martin: Der Koran, in: Nagel, Tilman (Hrsg.): Begegnung mit Arabien – 250 Jahre Arabistik in Göttingen, Göttingen, Wallstein Verlag, 1998. S. 25.

[3] Ebd.

[4] Paret, Rudi: Mohammed und der Koran – Geschichte und Verkündigung des arabischen Propheten, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, Verlag W. Kohlhammer, 5. überarbeitete Auflage, 1980. S. 54.

[5] Bobzin, a.a.O., S. 89.

[6] Nagel, 1983, a.a.O., S. 16.

[7] Ebd.

[8] Neuwirth, 2006, a.a.O., S. 103.

[9] Ebd.

[10] Neuwirth, 2006, a.a.O., S. 103f.

[11] Nagel, Tilman: Mohammed – Leben und Legende, München, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2008. S. 921.

[12] Paret, a.a.O.

[13] Nagel, 2008, a.a.O., S. 921f.

[14] Nöldeke, a.a.O., S. 41.

[15] Ebd.