II. Die Sprache des Koran

Allgemein gilt das Arabische als die Sprache des Koran.[1] Im Koran enthaltene Wörter, die auf keinen arabischen Ursprung zurückzuführen sind, stammen möglicherweise von der Kenntnis jüdischer und christlicher Schriften unter den Bewohnern Mekkas und Medinas. Unter diesen Wörtern nichtarabischen Ursprungs sind beispielsweise die Bezeichnung für den koranischen Vers, arabisch āya Pl. āyāt, die mit dem hebräischen sowie mit dem syrischen Wort für ‚Zeichen‘ (ōth bzw. āthā) erklärt werden kann.[2] Auch das Wort ‚Koran‘ selbst, arabisch qurʾān, stammt möglicherweise aus dem Christlich-Syrischen mit der Bedeutung der ‚Schriftlesung‘, ähnlich einer Bibelstunde. Von arabischen Lexikographen jedoch wird ‚Koran‘ von der arabischen Wurzel q-r-ʾ hergeleitet. In diesem Fall entstand der Name des Heiligen Buches der Muslime aus der Bedeutung ‚aufsagen‘, ‚rezitieren‘. Diese etymologische Herleitung ist wohl von Beginn an im Bewusstsein der Muslime verankert, denn die Wurzel q-r-ʾ findet sich bereits in der nach islamischer Überlieferung ersten Offenbarung Gottes an Muḥammad: [3]

Sure 96, 1 – 5: 1 Rezitiere: Im Namen deines Herrn, der geschaffen hat, 2 geschaffen hat den Menschen aus einem Blutklumpen! 3 Rezitiere: Der Herr ist der edelmüdigste, 4 der durch das Schreibrohr gelehrt hat, 5 den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste!

Auch Theodor Nöldeke bezieht sich auf Sure 96 und übersetzt die Wurzel q-r-ʾ mit ‚vortragen‘, ‚predigen‘ oder ‚rezitieren‘ und zwar entweder frei aus dem Gedächtnis oder aus einem Text.[4] Den Ursprung des Wortes sieht Nöldeke jedoch ebenfalls im Syrischen. Das syrische Nomen qeryānā mit der Bedeutung ‚Lektionar‘ oder ‚Vortrag‘ nimmt er als Grundlage.[5] Die Bezeichnung für das heilige Buch der Muslime ist laut Nöldeke

„eine Entlehnung aus jenem syrischen Worte unter gleichzeitiger Angleichung an den [Infinitiv-] Typus fuʿlān.[6]

Auch Angelika Neuwirth geht von diesem Ursprung aus.[7]

Trotz der Wahrscheinlichkeit, dass außer dem Namen des Koran selbst auch andere Wörter hebräischen oder syrischen Ursprungs sind[8] und als Lehnworte von Norden aus in den Ḥiǧāz vorgedrungen und in die arabische Sprache aufgenommen wurden,[9] sind sich viele Wissenschaftler der westlichen Koranforschung darin einig, dass es sich bei der Sprache des Koran um das Arabische beziehungsweise das Hocharabische der Zeit Muḥammads handelt und nicht um einen aramäischen Dialekt.[10]

Das Hocharabisch der vorislamischen Zeit ist eine Art Verkehrssprache, die lingua franca, die es den arabischen Stämmen mit ihren verschiedenen Dialekten ermöglicht, sich untereinander zu verständigen.[11] Auch die damalige Dichtung bedient sich zum allgemeinen Verständnis dieser Form des Arabischen.[12] Heute noch ist das klassische Hocharabisch durch die gut belegte und bezeugte Poesie bekannt. Vor allem während Pilgerfesten und Markttagen kommen zur vorislamischen Zeit viele Stämme, die verschiedene Dialekte sprechen, auf der Arabischen Halbinsel zusammen. Die Dichter, die an diesen Tagen auftreten, sind auf eine für alle Stämme verständliche Sprache angewiesen und nutzen so für sich die allgemeine Verkehrssprache, das Hocharabische.[13] Die Bezeichnung ‚arabisch‘ ist dabei ebenfalls auf die Stämme der Halbinsel zurückzuführen, es ist eben die ‚Sprache der nomadisierenden Steppenbewohner‘, der al-ʿarab.[14] Bis heute gilt die arabische Hochsprache als das Merkmal schlechthin für die Einheit der Araber.[15] Auch im Koran selbst weist Gott in mehreren Suren daraufhin, dass das Arabische die Sprache des Koran ist[16] und er diese Sprache gewählt hat, damit sein Prophet Muḥammad und die Gläubigen seine Weisungen verstehen.[17]

Beispiele für Verse, in denen Gott darauf hinweist, dass er den Koran in Arabischer Sprache geoffenbart hat, sind folgende:

Sure 12, 2[18]: Wir haben sie (d.h. die Schrift) als einen arabischen Koran hinabgesandt. Vielleicht würdet ihr verständig sein.

Sure 13, 37[19]: So (wie er dir vorliegt) haben wir ihn (d.h. den Koran) als eine arabische Entscheidung hinabgesandt […].

Sure 46, 12[20]: Die Schrift Moses ist ihm als Richtschnur (w. Vorbild) und (Erweis der göttlichen) Barmherzigkeit vorausgegangen. Und dies (d.h. der Koran) ist eine Schrift, die bestätigt (was als Offenbarung vorausgegangen ist), in arabischer Sprache, um die Frevler zu warnen, und als Frohbotschaft für die Rechtschaffenen.

Michael Cook geht noch weiter und betont, dass

„nicht nur das Arabische die ursprüngliche Sprache des Koran [darstellt]: Es ist seine Sprache.“[21]

So entsteht auch die Ratlosigkeit der Gläubigen der Frage gegenüber, ob es überhaupt zulässig ist, den Koran in eine andere Sprache zu übersetzen. Schließlich gibt es mit der Ausbreitung des Islam auch viele Muslime, die das Arabische nicht als Muttersprache beherrschen. Aber wenn der Koran das direkt an die Menschen gerichtete Wort Gottes ist, können Übersetzungen gravierende Fehler aufweisen. Deshalb wird dazu übergegangen, Übersetzungen zwar als Hilfsmittel zuzulassen, nicht aber als echten Koran. Eine der wichtigsten Eigenschaften des Koran ist seine Unnachahmlichkeit, arabisch iʿǧāz. Weshalb der Koran nur auf Arabisch als Original angesehen wird. Diese Unnachahmlichkeit gilt als Beweis dafür, dass der Koran das Beglaubigungswunder des Propheten Muḥammads ist. Sie wird im Koran selbst beschrieben.[22]

So zum Beispiel in Sure 17:

Sure 17, 88[23]: Sag: Gesetzt den Fall, die Menschen und die Dschinn tun sich (alle) zusammen, um etwas beizubringen, was diesem Koran gleich(wertig) ist, so werden sie das nicht können. Auch (nicht), wenn sie sich gegenseitig helfen würden.

Nach der Redaktion des Koran durch den dritten Kalifen ʿUṯmān[24] ist eine einheitliche Form des Koran festgelegt.[25] Zu dieser Form gehört auch die Sprache. Das Beglaubigungswunder Muḥammads[26] ist der arabische Koran. Ein persischer wäre nicht das Original, also kein Wunder.[27] Denn Gott selbst spricht ja durch den Koran, während der menschliche Prophet Muḥammad lediglich der Empfänger des Gotteswortes und der Engel Gabriel der Vermittler dieses Wortes ist.[28] Ein Argument, das in der Frühzeit des Islam auch dafür genutzt wird, die Überlegenheit der Araber über die mächtigen, nun ebenfalls muslimischen Perser zu betonen.[29]

So gibt es also Koranausgaben, die auf zwei gegenüberliegenden Seiten auf der einen den arabischen Originaltext aufweisen und auf der anderen eine persische, türkische oder in jede beliebige andere Sprache übersetzte Version.[30] Ebenso gibt es Ausgaben, bei denen die Übersetzung interlinear unter dem arabischen Text in arabischer Schrift stattfindet. Das bedeutet, dass zum Beispiel die spanische, polnische, türkische oder persische Übersetzung trotzallem die arabischen Buchstaben verwendet.[31]

[1] Bobzin, a.a.O., S. 87.

[2] Gilliot, Claude: Creation of a fixed Text, in: McAuliffe, Jane Dammen (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Qurʾān, New York, Cambridge University Press, 2006. S. 43.

[3] Nagel, 1983, a.a.O., S. 15.

[4] Nöldeke, Theodor: Geschichte des Qorāns, Hildesheim, Georg Olms Verlagsbuchhandlung, 1961. S. 32 – 33.

[5] Nöldeke, a.a.O., S. 33f.

[6] Nöldeke, a.a.O., S. 43.

[7] Neuwirth, Angelika: Structural, linguistic and literary Features, in: McAuliffe, Jane Dammen (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Qurʾān, New York, Cambridge University Press, 2006. S. 101.

[8] Gilliot, a.a.O., S. 43.

[9] Nöldeke, a.a.O., S. 33.

[10] Nagel, 1998, a.a.O., S. 15, Bobzin, a.a.O., S. 87, u.a.

[11] Nagel, 1998, a.a.O., S. 15.

[12] Bobzin, a.a.O., S. 88.

[13] Nagel, 1998, a.a.O., S. 16.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Encyclopaedia of the Qurʾān, Volume 3, Language and Style of the Qurʾān, Claude Gilliot und Pierre Larcher, Leiden, Boston, Brill, 2003. S. 113.

[17] Nagel, 1983, a.a.O., S. 16.

[18] Paret, Rudi (Übers.): Der Koran, Stuttgart, W. Kohlhammer, 11. Auflage, 2010.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Cook, Michael: Der Koran – Eine kurze Einführung, Stuttgart, Philipp Reclam jun., 2002. S. 110.

[22] Bobzin, a.a.O., S. 118f.

[23] Paret, a.a.O.

[24] Reg. 644 – 656

[25] Bobzin, a.a.O., S. 102.

[26] Die Legende, dass der Prophet Muḥammad weder lesen noch schreiben konnte, wird als weiteres Argument für das wundersame Wesen des Koran angesehen. (Gilliot, a.a.O., S. 42.)

[27] Bobzin, a.a.O., S. 119.

[28] Gilliot, a.a.O., S. 41.

[29] Bobzin, a.a.O., S. 119.

[30] Cook, a.a.O., S. 114.

[31] Cook, a.a.O., S. 113f.