afkari افكاري

Ein nicht immer wissenschaftlicher Islamwissenschaftsblog

Die Sprache des Koran – Der Wandel in der westlichen Koranforschung und die Luxenberg-Debatte (I)

„Der Koran gehört nicht zu den Büchern, die sich einem Leser leicht erschließen. Das gilt ganz unabhängig davon, ob dieser Leser Muslim ist oder nicht.“[1]

In erster Linie hängt diese Tatsache mit der Sprache des Koran zusammen. Dabei handelt es sich nach allgemeiner Meinung gläubiger Muslime[2], islamischer Gelehrter wie Muḥammad ʿAbduh und namhafter Wissenschaftler wie Tilman Nagel, Annemarie Schimmel[3], Hartmut Bobzin[4], Heinz Halm[5], und vielen weiteren um

„[…] das Hocharabische, die lingua franca des damaligen Arabien. Es weicht nur in einigen grammatischen und stilistischen Eigentümlichkeiten, die man gemeinhin als Einsprengsel der hedschasischen Heimatmundart Muḥammads deutet, von diesem Idiom ab.“[6]

Für Muḥammad ʿAbduh[7] ist der Koran lediglich für diejenigen verständlich, die das reine Arabisch beherrschen.[8] Dem entgegen steht die Auffassung Christoph Luxenbergs. Er vertritt in seiner Studie Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache die These, dass die Araber zur Zeit der Entstehung des Koran das Syro-Aramäische als Schrift- und Kultursprache nutzten.[9] Hinter dem Pseudonym Christoph Luxenberg versteckt sich ein Koranforscher aus dem Umfeld der Saarbrücker Wissenschaftler Karl-Heinz Ohlig und Gerd-Rüdiger Puin. Der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Ohlig stellt die historische Existenz des Propheten Muḥammads in Frage und fasst den Begriff muḥammad als Hoheitstitel für Jesus auf.[10] Ohlig schließt sich in der Frage der Koransprache in vielem Luxenberg an, der im Vorwort seiner Studie sagt, dass die Araber zur Zeit der Entstehung des Koran zum Großteil Christen waren und dadurch nichts näher liegt,

„als daß diese naturgemäß Elemente ihrer syro-aramäischen Kult- und Kultursprache ins Arabische eingebracht haben. Aufzuzeigen, in welchem Umfang dies im Koran der Fall ist, hat sich diese Studie zur Aufgabe gemacht. Die darin vorgestellten Proben mögen exemplarisch zu einer über das Syro-Aramäische teilweise erzielbaren Entschlüsselung der Koransprache dienen.“[11]

Fundierte Kenntnisse des klassischen Arabisch und seiner Grammatik, wie sie beispielsweise ʿAbduh zum vollen Verständnis des Koran fordert,[12] betrachtet Luxenberg jedoch

„eher als hinderlich, während die Beachtung der syro-aramäischen Grammatik unter Umständen zur Erkenntnis bisher ungeahnter Aspekte der Koransprache verhilft.“[13]

Luxenbergs Studie über den Koran stellt sich in eine langen Tradition der westlichen Koranforschung, die sich auf verschiedene Art und Weise und bei ändernden Methoden mit dem Koran als Text und mit seiner Sprache beschäftigt hat. Schon früh haben sich christliche Geistliche mit dem Islam und seinem heiligen Buch beschäftigt. Zu Beginn geschah dies vor allem in Regionen, wo sich Christentum und Islam ‚trafen‘. Diese frühe Beschäftigung mit dem Koran, wie sie zum Beispiel Johannes von Damaskus[14] im 8. Jahrhundert betrieb, hatte jedoch vorrangig den Zweck, die noch vergleichsweise junge Religion zu kritisieren.[15]

Bis in die heutige Zeit hinein gibt es einen steten Wandel in der Herangehensweise an den Koran.

In den kommenden Beiträgen soll dieser Wandel dargestellt und die Frage bearbeitet werden, ob mit aktuellen Methoden und Thesen, wie denen von Luxenberg und Ohlig, ein Fortschritt in der Koranforschung erreicht werden kann. Die Literaturangaben sind dabei fortlaufend (wobei die Fußnoten bei jedem Beitrag bei [1] beginnen). Wenn nicht anders angegeben, so handelt es sich bei den wiedergegebenen Suren um die Übersetzung von Rudi Paret.

In den Beiträgen folgt nach einer Darstellung der Sprache, Redaktion und äußeren Form des Koran, wie sie die islamische Überlieferung wiedergibt und der auch ein Großteil nichtmuslimischer Wissenschaftler folgt, die Geschichte der westlichen Koranforschung, beginnend mit der bloßen Beschäftigung mit der als Konkurrenz zum Christentum empfundenen Religion[16] hin zu den neuen beziehungsweise weiterentwickelten Forschungsansätzen des 20. Jahrhunderts. Hierbei wird auf die Ansätze und Arbeiten von Abraham Geiger, Gustav Weil, Ignaz Goldziher und Theodor Nöldeke und den Einfluss der Wissenschaft vom Judentum eingegangen. Es folgt ein Kapitel über die Anfänge der revisionistischen[17] Koranforschung mit Günther Lüling als erstem Vertreter dieser Richtung und der Behandlung der 1977 erschienenen revisionistischen Arbeiten von John Wansbrough (Quranic Studies – Sources and Methods of Scriptural Interpretation) sowie Patricia Crone und Michael Cook (Hagarism – The Making of the Islamic World). Nach der eher weniger beachteten Studie Lülings Über den Ur-Qurʾan – Ansätze zur Rekonstruktion vorislamischer christlicher Strophenlieder im Qurʾan, erlangt John Wansbrough große Aufmerksamkeit mit seinem Werk Quranic Studies und der These, dass der Koran, wie wir ihn heute kennen, entgegen der Überlieferung erst im 8. oder 9. Jahrhundert entstanden ist. Dies auch nicht etwa in Mekka, Medina oder allgemein der Arabischen Halbinsel, sondern in Mesopotamien.[18] Diese These, deren Einfluss auf die Koranforschung der letzten dreißig Jahre nicht zu unterschätzen ist, zieht bis heute einen Graben innerhalb der westlichen Koranwissenschaft und teilt diese in verschiedene Lager.[19] Die revisionistischen Arbeiten Lülings, Wansbrough, Crones und Cooks können zu Recht als Grundlage für die Thesen Luxenbergs, Ohligs und anderer Koran- und Frühislamforscher des 21. Jahrhundert betrachtet werden.

Auf die Forscher und Forschungsergebnisse des 21. Jahrhundert wird im Anschluss eingegangen. Es folgt eine ausführliche Beschäftigung mit den Thesen und Arbeitsweisen nicht nur Luxenbergs mit seiner Studie Die syro-aramäische Lesart des Koran, sondern auch Ohligs, der nicht nur, wie bereits erwähnt, die Existenz des Propheten Muḥammad anzweifelt.[20] Er verlegt die Entstehung des Islam, ähnlich wie Crone und Cook,[21] von der Arabischen Halbinsel und Mekka in andere Regionen.[22] Die ausführliche Beschäftigung mit den Thesen Luxenbergs und Ohligs rührt von der großen medialen Aufmerksamkeit her, die der Studie Luxenbergs bei ihrer Veröffentlichung im Jahr 2000 und bis heute widerfährt. Auch in der Nicht-Fachpresse wird die Studie in den letzten Jahren immer wieder erwähnt.

[1] Bobzin, Hartmut: Der Koran – eine Einführung, München, Verlag C.H. Beck, 1999. S. 9.

[2] Schimmel, Annemarie: Die Religion des Islam, Stuttgart, Philipp Reclam jun., 11. Auflage, 2010. S. 30.

[3] Schimmel, a.a.O., S. 30 – 33.

[4] Bobzin, a.a.O., S. 87.

[5] Halm, Heinz: Der Islam – Geschichte und Gegenwart, München, Verlag C.H. Beck, 5., akt. Auflage, 2004. S. 13. Halm bezieht sich hier u.a. auf die ersten Verse der Sure 12 (Josefs-Sure), in dem es heißt: Dies sind die Zeichen der deutlichen Schrift. Wir haben sie als einen arabischen Koran hinabgesandt.

[6] Nagel, Tilman: Der Koran – Einführung-Texte-Erläuterungen, München, Verlag C.H. Beck, 3. Auflage, 1998. S. 15.

[7] Gest. 1905. Ägyptischer Reformer und Mufti, der für die Vereinbarkeit der islamischen Religion mit den technisch-wissenschaftlichen Neuerungen eintrat. (Schölch, Alexander: Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert, in: Haarmann, Ulrich und Heinz Halm (Hrsg.): Geschichte der arabischen Welt, München, Verlag C.H. Beck, 4., überarbeitete und erweiterte Auflage, 2001. S. 390.)

[8] Nagel, Tilman: Der Koran – Einführung-Texte-Erläuterungen, München, Verlag C.H. Beck, 1983. S. 8.

[9] Luxenberg, Christoph: Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache, Berlin, Verlag Hans Schiler, 4. Auflage, 2011. S. 10.

[10] Ohlig, Karl-Heinz: Vom muhammad Jesus zum Propheten der Araber – Die Historisierung eines christologischen Prädikats, in: Ohlig, Karl-Heinz (Hrsg.): Der frühe Islam – Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen, Berlin, Verlag Hans Schiler, 1. Auflage, 2007a. S. 329.

[11] Luxenberg, 2011, a.a.O., S. 11.

[12] Nagel, 1983, a.a.O., S. 8.

[13] Luxenberg, 2011, a.a.O., S. 151.

[14] Gest. 754. Theologe und Kirchenvater.

[15] Rippin, Andrew: Western Scholarship and the Qurʾān, in: McAuliffe, Jane Dammen (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Qurʾān, New York, Cambridge University Press, 2006. S. 237.

[16] Bobzin, a.a.O., S. 15.

[17] Im Bezug auf den Ausdruck ‚Revisionismus‘ schließe ich mich Nicolai Sinai an. Er weist in seinem Werk Fortschreibung und Auslegung – Studien zur frühen Koraninterpretation daraufhin, dass er den Begriff „als hilfreiches Etikett für die Arbeiten Wansbroughs und von ihm angeregter, im Einzelnen jedoch eigene Wege gehender Wissenschaftler […] verwendet. Die vor allem in politischen Kontexten mitschwingende pejorative Konnotation des ‚Abweichlertums‘ ist nicht intendiert.“ (Sinai, Nicolai: Fortschreibung und Auslegung – Studien zur frühen Koraninterpretation, Wiesbaden, Harrassowitz Verlag, 2009. S. 23).

[18] Neuwirth, Angelika: Der Koran als Text der Spätantike – Ein europäischer Zugang, Berlin, Verlag der Weltreligionen, 2010. S. 91.

[19] Sinai, a.a.O., S. 23.

[20] Ohlig, 2007a, a.a.O., S. 329.

[21] Neuwirth, Angelika: Zur Archäologie einer Heiligen Schrift – Überlegungen zum Koran vor seiner Kompilation, in: Burgmer, Christoph (Hrsg.): Streit um den Koran – Die Luxenberg-Debatte: Standpunkte und Hintergründe, Berlin, Verlag Hans Schiler, 3., erweiterte Auflage, 2007a. S. 131.

[22] Ohlig, Karl-Heinz: Licht ins Dunkel der Anfänge des Islam, in: Ohlig, Karl-Heinz (Hrsg.): Der frühe Islam – Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen, Berlin, Verlag Hans Schiler, 1. Auflage, 2007b. S. 8.

 

 

4 Kommentare

  1. Es ist wohl Zeitverschwendung, sich mit der unhaltbaren These von Luxenberg und dem Schwachsinn, den Prof. Ohlig von sich gibt, zu beschäftigen. Es ist eine Schande, daß der bundesdeutsche Staat solchen Professoren Gehälter zahlt. Mit solchen Personen hat die deutsche Islamwissenschaft ihren einstmals guten Ruf verspielt.

    • Jule

      2. November 2014 at 18:00

      Nun ja, da ich mich doch sehr ausgiebig damit beschäftigt habe, sehe ich es nicht als Zeitverschwendung. Vielmehr erachte ich es als notwendig, da die Thesen von Ohlig und Luxenberg auch Eingang in die Nicht-Fachpresse gefunden haben (Welt, DW, APuZ).

  2. @Serval: Prof. Ohlig ist seit Jahren emeritiert, bekommt also sein Geld unabhängig von seinen jetzigen Aktivitäten. Herr Luxenberg steht nicht auf der Lohnliste der Bundesrepublik. Sie können also in dieser Hinsicht beruhigt sein.

    @Jule: Luxenbergs Buch kann nur von Semitisten mit Verständnis gelesen werden, die Syrisch und Arabisch kennen. Das ist bei Journalisten selten der Fall, und bei ihrem Publikum noch seltener. Das das Buch so gut ankam in den Medien hat vor allem damit zu tun, dass es kurz vor 9/11 erschien. Es schien viele Menschen damals eine gute Idee, dass „der Islam“ durch dieses Buch eine Tracht Prügel verpasst bekam.

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