afkari افكاري

Ein nicht immer wissenschaftlicher Islamwissenschaftsblog

Das große Schweigen

Ich denke immer wieder, dass ich mich äußern sollte. Zu dem, was in der Welt passiert. Nicht nur im direkten Gespräch mit Freunden, Familie, Bekannten. Dann denke ich wieder, dass ich doch eigentlich einen Blog über Islamwissenschaft machen wollte. Und nur, weil in Teilen der islamischen Welt diese Welt in Flammen aufgeht, heißt das doch nicht, dass ich meinen Senf dazu abgeben muss. Was soll ich wohlbehütetes, in Wohlstand lebendes, naives Menschenkind auch dazu sagen? Zu einem Streifen Land, der inklusive seiner Bewohner dem Erdboden gleichgemacht wird? Zu einer Gruppe, die trotz des plattgemachten Streifens nicht aufhört den Nachbarn zu bombardieren? Ein Nachbar, der nicht aufhört zurückzuschießen und Zivilisten dadurch umzubringen? Zu einem neuen Antisemitismus, der Juden mit der israelischen Regierung gleichsetzt? Zu Syrien, das kaum noch erwähnt wird? Und zu Irak? Zu einer Terrorgruppe, die Andersdenkende hinrichtet, Frauen beschneiden will, Familien in die Flucht mit nichts treibt? Zu deutschen Städten, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen? Zu Deutschen, die keine Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft wollen? Und zu mir, die ich nichts anderes tue als Nachrichten zu schauen, zu lesen und darüber zu reden, was alles falsch läuft und unter Weltschmerz zu leiden?

3 Kommentare

  1. ej gute Julia, du sagst was, wenn du was zu sagen hast. du schreibst was, wenn es was zu schreiben gibt. es geht nicht drum, ob du die welt verändern, zu einer besseren machen kannst. es geht drum zu zeigen, dass da jemand ist, der sich gedanken macht. gedanken, mit denen auseinanderzusetzen sich lohnt. gedanken, die ein sichtfeld erweitern – und sei’s nur meines.

    wenn die menschen deine überlegungen auf fahnen vor sich hintrügen, hättest du was falsch gemacht. individuelle (nach-)denkarbeit taugt nicht zur propagandistischen massenware. aber wenn du hie ein äugchen öffnest und da das geistige zahnrad eine umdrehung weiter bringst, hast du was erreicht. in diesem fall spricht auch nichts gegen ein schneeballsystem.

    menschen wie der verehrte Olaf, vielleicht auch ich, sind als blogger nicht berühmt. der eine oder andere schätzt uns. manchmal fängt einer dort an zu denken, wo wir aufgehört haben. das schöne am blogger-dasein ist die selbstbestimmung. wir sind bunte hunde, die mal reinschlagen, mal säuseln. die anregen wollen oder in abrede stellen. wir weinen uns einen beitrag, wenn’s die stimmung will oder wir lachen uns einen. die zahl der klicks ist nebensächlich, wichtig ist, dass wir was sagen. übers leben, über die politik, über musik und literatur, wegen mir auch mal über autos oder klaus kinski.

    kurt tucholsky hat seinen selbstmord quasi selbst kommentiert: „sprechen. schreiben. schweigen.“ wir blogger, denke ich, machen es umgekehrt. in diesem sinne: willkommen im club.

  2. Liebe Jule,

    ich kann Deinen Weltschmerz verstehen. Auch Dein Gefühl der Hilf- und Sprachlosigkeit verstehe ich. Es geht mir ganz genauso. Wie oft ist mir zum Heulen zu mute.

    Die Welt zu verstehen, was wahrscheinlich unmöglich ist, ist die eine Sache. In ihr zu bestehen und dabei ein Mensch mit Werten und Visionen zu bleiben, eine ganz andere.

    Wir sitzen als Zaungäste in bequemen Stühlen und schauen zu, wie Fanatiker, Fundamentalisten, Machtbesessene und Egoisten die Welt anbrennen, ausbeuten, verschmutzen und missbrauchen. Wir sitzen einfach da und sehen, wie Millionen Morde, Vergewaltigungen und Vertreibungen geschehen. Dort die IS, da das Militär. Hier, dort und da die Amerikaner, da hinten der Russe, vorn rechts die EU und links die Chinesen. Mittendrin Pfaffen, Muftis, Rechtsanwälte, Politiker, Lobbyisten und Waffenhersteller.

    Während wir in unseren bequemen Stühlen mehr und mehr verkabelt, ausspioniert, durchanalysiert und eingekapselt werden, werden jene, die ohnehin schon ums überleben kämpfen, einfach massakriert.

    Nach einer kurzen Phase der Aufklärung und Emanzipation sorgt wieder einmal die Gier dafür, dass das Patriarchat neu erblüht. Und nie war es ausufernder, einnehmender und profitabler als heute.

    Ja, da kann man verzweifeln. Da muss man verzweifeln! Wir haben keine Chance, daran etwas zu ändern. Wir sind zum Zuschauen verdammt. Aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass es da draußen mehr anständige Menschen gibt, als wir uns in unserer traurigen Hilflosigkeit vorstellen können.

    Ich träume zuweilen von einem Aufstand der Anständigen. Einem Aufstand von den vielen Menschen, welche die zwei wichtigsten menschlichen Eigenschaften in sich vereinen: Herz und Verstand.

    Wenn diese Menschen es vermochten sich zu finden, zu organisieren und (im Rahmen der Vernunft) abzugrenzen, könnten sie vielleicht eine Veränderung erreichen.

    Aber ja, ich sagte ja ich träume zuweilen.

    Vermutlich sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber, wenn die letzten Irrtümer verbraucht sind – wie es Bertold Brecht, genauso wichtig und gut für Deutschland wie Kurt Tucholsky, einmal sagte.

    Vielleicht braucht es aber erst einen totalen Zusammenbruch der gesamten Menschheit, damit die paar Überlebenden hernach mit einer wirklich menschlichen Zivilisation beginnen können. Es würde mich nicht wundern.

    Dennoch Kopf hoch, Jule! Die Welt ist viel, viel mehr als eine übergeschnappte Spezies und nichts ist von Bestand. Irgendwann stehen die Vernünftigen auf und machen es anders. Es gibt nichts, woran ich glaube, aber daran, glaube ich fest. ;o)

    Ey Veit….

    … was Du jetzt kriegst, ist eine tiefe Verneigung von mir. Weil es genau so ist, wie Du es sagst. Vielen Dank dafür.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: